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Doktor-Schulen

… aus Aal: Andere arbeiten lassen

Kürzlich sprachen Studierende und ich wieder einmal darüber, dass Literaturarbeit einen wesentlichen Baustein wissenschaftlichen Arbeitens bildet - und dass wir manchmal hunderte von Seiten lesen und dann ein oder zwei Sätze und drei oder vier von zwanzig und mehr gesichteten Quellen in die Arbeit einfließen. "Als ich vor zwanzig Jahren meine Diss schrieb, habe ich mir noch viel ausgedruckt. Ich erinnere mich gut: dreißig Zentimeter Literatur (so hoch war der Bücher- und Artikelstapel) wurden zu zwei Sätzen in meiner Arbeit)."


Dies ist natürlich auch im aal_buch passiert. Allerdings entstehen manchmal auch mehr als zwei Sätze. Das Thema Doktoranden-Begleitung und "Doktor-Schulen" wurde größer - und zur VorLeseProbe im Mai.

 

_Doktor-Schulen_

 

Im Rahmen der Bologna-Reform gibt es seit 2003 auf europäischer Ebene Bestrebungen, die Arbeit und Ausbildung von Doktoranden zu verbessern und fundierte Programme an Universitäten zu etablieren. Die European University Association hat dazu 2005 die Salzburg Principles formuliert (EUA 2005). Darin geht es unter anderem um Wissenserwerb durch Forschung, um die Reaktion auf den sich verändernden Arbeitsmarkt, die Einbettung junger Wissenschaftler in Institutionen, ihre Betreuung, den Respekt vor ihren Leistungen, um Diversity, um die Qualität der Betreuung und Ausbildung und um eine angemessene Finanzierung. Damit ist hoffentlich auch die Sicherung des Lebensunterhaltes der Doktoranden und jungen Wissenschaftler gemeint.


Ebenfalls aus dem Jahr 2005 stammt The European Charter for Researchers [und] The Code of Conduct for the Recruitment of Researchers (EC 2005; Wikipedia 2019). 2008 richtete die EUA den Council for Doctoral Education (EUA-CDE) ein. Seine Aufgabe ist, die Entwicklung hochwertiger Ausbildung von Doktoranden und jungen Wissenschaftlern zu fördern. Der EUA-CDE unterstützt den Austausch seiner Mitglieder untereinander und mit Entscheidern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft (EUA CDE 2016). Wie steht es derzeit, im Frühjahr 2019, um die Situation der Doktoranden, der Wissenschaftler, die sie betreuen und der Universitäten, an denen sie promovieren? Wie steht es um die Doktor-Schulen?


Doktor-Schule ... Doctoral schools (referring to any kind of governance structures to manage doctoral strategies in the university) ... – so definiert Chiara Lauritano in Zinner et al 2016, S. 98, die Einrichtungen und Institutionen, die an Universitäten für die Ausbildung von Doktoranden, den Austausch mit den wissenschaftlichen Betreuern und die Weiterentwicklung der Doktorandenausbildung in Zusammenarbeit mit dem Hochschulmanagement und Einrichtungen anderer Universitäten national und international zuständig sind.


Die Situation von Doktoranden lässt sich – wie die anderer Studierender – aus drei Perspektiven betrachten: Universität, Doktorand und diejenigen, die für ihre Ausbildung zuständig sind: wissenschaftliche Betreuer und zunehmend Professionals in Doctoral Education.

 

 

Die Universitäten

Im Januar 2019 hat die EUA eine Studie veröffentlicht, die die Universitätsperspektive untersucht, die Leistungen europäischer Universitäten hinsichtlich der Doktor-Schulen beschreibt und Fortschritte feststellt (Hasgall et al 2019). Dies trifft für viele der Institutionen zu, die an der Befragung teilgenommen haben. Bei genauerem Lesen wird jedoch deutlich, dass die Aussagekraft der Studie eingeschränkt ist. Im Folgenden ein paar Zahlen aus der Studie zu den teilnehmenden Institutionen (Hasgall et al 2019, S. 35, Tabelle 2. PhD steht für Doktoranden im jeweiligen Land):


insgesamt: 292 der 1361 Institutionen (21%) – 40% der PhD
Island: 1 von 3 (33%) – 93% der PhD
Irland: 7 von 25 (28%) – 89% der PhD
Norwegen: 19 von 25 (76%) – 97% der PhD
Finnland: 11 von 15 (73%) – 89% der PhD
Belgien: 10 von 12 (83%) – 99% der PhD


Deutschland 21 von 155 (14%) – 30% der PhD
Niederlande: 5 von 19 (26%) – 40% der PhD

 

Nur 21% der Institutionen, an denen junge Wissenschaftler promovieren, haben an der Studie teilgenommen. Wie sieht es bei den anderen 79% aus? Wie ist dort die Lage der Doktoranden?

 

Die Doktoranden

Eurodoc – the European Council for Doctoral Candidates and Junior Researchers – ist eine Vereinigung von derzeit 28 nationalen Verbänden, die Doktoranden und junge Wissenschaftler vertreten. Eurodoc ist angesiedelt bei der Europäischen Union und dem Europarat. 2011 hat Eurodoc eine deskriptive Studie zur Situation von Doktoranden und jungen Wissenschaftlern aus deren Sicht veröffentlicht (Ates et al 2011). Der Bericht beschreibt sehr gut die Methode und Vorgehensweise, die Herausforderungen der Datensammlung und -auswertung sowie die Aussagekraft: die Studie ist deskriptiv und wertet 7800 Fragebögen aus. Laut Merle (2007), zitiert in der Studie, gab es zu dieser Zeit ungefähr 680.000 Doktoranden und Juniorwissenschaftler in Europa. Die Studie kann also nur erste Hinweise geben.


Die meisten TeilnehmerInnen promovieren in den MINT-Fächern Mathematik, Physik und Biologie. Die meisten Teilnehmer leben in festen Partnerschaften und haben keine Kinder. Nur in Skandinavien hält die Promotion die Teilnehmer nicht davon ab. Zwei Drittel der TeilnehmerInnen haben einen Vollzeit-Studierenden-Status. Viele kennen nicht The European Charter for Researchers [und] The Code of Conduct for the Recruitment of Researchers (EC 2005). Die Finanzierung durch Stipendien oder die Bezahlung in einem befristeten Vertrag ist oftmals nicht ausreichend für den Lebensunterhalt – kein Wunder, dass die Familiengründung also zurückstehen muss. In vielen Ländern gibt es freiwillige oder verpflichtende Kurse zur Theorie oder Methodologie. Kurse zu übergreifenden Themen wie Ethik gibt es kaum. Die Betreuung durch ihre Doktormütter und -väter finden die meisten TeilnehmerInnen adäquat. Allerdings ist ungefähr einem Fünftel der TeilnehmerInnen nicht bewusst, dass es eine schriftliche Vereinbarung zu den Rechten und Pflichten beider, der Doktoreltern und der Doktoranden, geben sollte. Der Bericht beschreibt noch weitere Aspekte. Eine Zusammenfassung hat Eurodoc online gestellt (Eurodoc 2011).


Die Entwicklung der folgenden Jahre zeigte, dass sich die Situation der Doktoranden allmählich verbessert. Zinner und Kollegen haben dazu 2016 ein interessantes Buch aus der Perspektive der Ausbilder veröffentlicht.

 

Die wissenschaftlichen Betreuer und Ausbilder

1999 begann der Bologna-Prozess. Zunächst konzentrierten sich die Universitäten auf die Bachelor- und Masterprogramme. Die Ausbildung von Doktoranden (doctoral education) unterscheidet sich deutlich von diesen, da das Kernmerkmal einer Dissertation die Durchführung von Forschung (und Entwicklung) ist und vor allem hierin die Ausbildung der Doktoranden besteht. Die Betreuung erfolgt durch eine Doktormutter oder einen Doktorvater, in der Regel als Professor an einer Universität (supervisor).

 

Vier Jahre später, 2003, fand auch die Ausbildung der Doktoranden explizite Berücksichtigung im Bologna-Prozess. Das Ziel: eine Europa-weite, hochwertige Ausbildung der Doktoranden. Der Anlass: mehr und mehr PhDs verfolgen nicht eine akademische Karriere, sondern sie gehen in die Wirtschaft, den öffentlichen Dienst oder sie gründen selbst ein Unternehmen. Dazu brauchen sie neben ihren fachlichen Kompetenzen, die Gegenstand ihrer Dissertation sind, methodische und soziale Kompetenzen. In den englischen Publikationen über die Fortschritte der doctoral education in Europa sind dies transferable skills. Neben Themen wie Kommunikation, einschließlich scientific communication, Selbst- und Projektmanagement und Führungskompetenz (leadership) gehört auch das Thema Ethik dazu. Doktoranden erhalten eine Ausbildung in diesen Themen in Form von Seminaren und Workshops an den doctoral schools.


Für die Einrichtung und das Management solcher Graduiertenzentren (graduate schools) sowie die Durchführung von Kursen und die Zusammenarbeit mit den Betreuern der Doktoranden sind Experten erforderlich, die Zinner und Kollegen Professionals in Doctoral Education (PRIDE) nennen (Zinner et al. 2016). Ihr (derzeit, Frühjahr 2019) online abrufbares Buch bietet eine umfassende Einführung in die Entwicklung der doctoral education im Nachgang der Bologna-Reform, die beteiligten Institutionen, wissenschaftliche Arbeiten und Studien und – so die erklärte Absicht der Autoren – praktische Umsetzungsinstrumente.


Das Buch richtet sich an Menschen, die bereits als PRIDE arbeiten oder diese Karriere anstreben, an Hochschulmanagement und an politische Entscheider auf nationaler und internationaler Ebene. Für Doktoranden und diejenigen, die sich überlegen, ob sie promovieren wollen, ist es ebenfalls interessant: Sie können viel über die Möglichkeiten lernen, die Universitäten mit Doktor-Schulen bieten, und auch über Personalentwicklung am Beispiel von PRIDE-Experten.

 

Doktorandenprogramme voran bringen

In Deutschland ist die Anzahl der Internetauftritte von Institutionen, die sich mit diesem Thema beschäftigen sehr vielfältig. Vieles dreht sich um die Finanzierung. Einiges auch um Inhalte und Qualität. Ein schönes Beispiel habe ich in den Niederlanden gefunden: het Nederlands Expertise Centrum voor de Promotieopleiding – The Netherlands Centre of Expertise for Doctoral Education. Das Zentrum stellt in seinem Internetauftritt http://phdcentre.eu/ seine vier Aufgaben vor:

  • Forschung zur Ausbildung von PhD-Kandidaten im Verlauf ihrer Promotionsarbeit;
  • Ermöglichen des Austauschs „guter Praxis“ zwischen Graduiertenschulen und Forschungsinstituten;
  • Beratung von Experten, die Promotionsprogramme und Graduiertenschulen aufbauen, und von Wissenschaftlern, die Doktoranden betreuen;
  • Unterstützung von Doktoranden und Betreuern durch Kurse, Workshops und Intervision.

Auf den Seiten von phcentre.eu finden Sie auch „Which grass is greener? Personal stories from PhDs about their careers within and outside of academia.“ (van der Weijden et al 2017). Viel Spaß damit.


Die Situation der Doktoranden hat sich in den letzten fünfzehn Jahren in Europa deutlich gebessert. Die Anzahl der Doktor-Schulen steigt. Die Professionalisierung der Mitarbeiter in diesen Institutionen, die mit Doktoranden und ihren wissenschaftlichen Betreuern, dem Hochschulmanagement und mit Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene zusammenarbeiten, ist auf einem guten Weg. Die Forschung und Entwicklung zum Thema doctoral education ist ein zunehmend beachtetes Thema im wissenschaftlichen Diskurs.


In Ländern wie Island, Irland, Norwegen, Finnland und Belgien ist die Situation bereits sehr gut. Mehr als neunzig Prozent der Doktoranden nehmen an strukturierten, transparenten und qualitätsgesicherten Programmen teil. Deutsche Institutionen haben noch einen längeren Weg vor sich. Schauen Sie sich also genau an, an welcher Universität, in welchem Fachbereich und Institut und bei welchem Professor Sie promovieren wollen. Wenn Sie bereits Studierende betreuen oder in einer Universität für Doktorandenprogramme aktiv sind, inspirieren Sie vielleicht die hier vorgestellten Studien, Bücher und Institute und die folgenden Seiten, auf denen es um Thesis-Coaching geht.

 

[die Leseprobe zum Thesis-Coaching ist im Blogeintrag vom 13 Aug 2018 …]


Christa Weßel - Dienstag, 28 Mai 2019 
[Anpassungen nach Feedback am Freitag, 31 Mai 2019]

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