
Warum es zu verhindern gilt, dass Manager, Controller, Personaler (w,m,d) allein oder vorrangig über therapeutische, pflegerische oder Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen entscheiden.
Es erinnert mich an 1994. "Und Sie entscheiden, ob ein Kind im Wachkoma ein Antidecubitus-Bett bekommt oder nicht? Was ist eigentlich ein Controller?"
Die Situation: Stationsärztin der Intensivstation (ITS) Kinderchirurgie.
Der Anrufer: ein Mitarbeiter der Verwaltung, auf dessen Tisch unsere Bestellung gelandet war.
Das Mädchen: zehn Jahre, schweres Polytrauma mit Schädelverletzung und Wachkoma.
Der Bedarf: ein Kinderbett mit einer Matratze, die kontinuierlich wechselnd aufgepumpt und bei einer konstanten Temperatur gehalten wird.
Das Ziel: Haut und Unterhautgewebe intakt erhalten durch Mikromobilisation.
Wir bekamen das Bett. Achtundvierzig Stunden nach dem Telefonat. Ich hatte gefragt, was ein Controller macht und woraus seine Ausbildung bestehe. Er hat es mir erklärt. Meine Antwort: Und Sie
wollen über eine medizinische Maßnahme entscheiden? - Eh, ja. (zögernd) Dann brauche ich aber auch die Unterschrift des Chefarztes. - Kriegen Sie.
Wir haben alle unterschrieben. Chefarzt, Oberärzte und sechs AssistenzärztInnen.
Warum wollte ein Controller so etwas entscheiden? Die Miete des Bettes kostete fünfhundert DM pro Tag. Der Pflegesatz der ITS lag bei tausend DM. So what?
Das Mädchen wachte zehn Wochen später auf. Ein Jahr später kam der Vater mit einem ihrer Brüder in die Notaufnahme. Ob ich ihn noch kennen würde? Nein. Er löste es auf, erzählte von seiner
Tochter. Es gehe ihr gut. Sie habe ein Jahr in der Schule wiederholt, sei manchmal etwas müde, aber sonst in Ordnung.
Es war natürlich mehr als das Bett. Da waren die Crew der ITS und die Familie des Mädchens. Die Eltern und die Brüder ermöglichten einen Tag-Nacht-Rhythmus mit vertrauten Menschen. Ein Bruder
oder die Mutter oder der Vater schliefen nachts im Beistellbett. Ein oder zwei Menschen der Familie waren tagsüber da. Sie sprachen mit dem Mädchen, lasen ihr vor, spielten Musik, nahmen zu
festen Zeiten ihre Mahlzeiten im Zimmer ein. Die Crew in der Reihenfolge ihres Auftretens: Krankenschwestern, Stationsärztin, Oberarzt, Physiotherapeutin, Sozialarbeiterin. Unser Ziel: neben der
medizinisch-pflegerisch-physiotherapeutischen Versorgung "Alltag" ermöglichen. Das Mädchen wird ihn spüren.
Wie gesagt, nach zehn Wochen wachte das Mädchen auf. Nach elf Wochen gaben wir das Bett zurück. Nach zwölf Wochen verlegten wir das Mädchen in eine Klinik für neurologische Frührehabilitation im
Kindesalter.
Fünfhundert DM siebenundsiebzig Tage lang. Wahrscheinlich hätten wir das Bett auch kaufen können. Aber da könnten ja noch andere Stationen einen ähnlichen Bedarf anmelden. Wo soll das hinführen?
(bitte denken Sie sich für diese Sätze einen ironischen Tonfall)
Am Tag des Telefonates mit dem Controller habe ich beschlossen, dass ich lernen will, wie Ökonomie und Management funktionieren. Besonders in Krankenhäusern. Damit ich einen Beitrag dazu leisten
kann, dass Entscheidungen über diagnostische, therapeutische oder pflegerische Maßnahmen nicht dem Sparen um jeden Preis folgen, sondern einem gesunden ökonomischen Denken im Rahmen einer
qualitativ hochwertigen Versorgung der Patienten.
Als ich mich zwei Jahre nach diesem Telefonat auf den Weg machte, meinte mein Oberarzt: Machen Sie das nicht! Die Welt da draußen ist so bunt und interessant, dass Sie nicht wieder kommen werden.
- Und ein Kollege aus dem Off: Und du kannst ausschlafen! - Der Kollege saß am Tisch in unserem Pausenraum, mein Oberarzt und ich standen in der Tür.
Mein Oberarzt behielt Recht. Ich kehrte nicht wieder in die Kinderchirurgie zurück. Nach Jahren in Unternehmensberatungen, noch mal in einem Studium, im Krankenhausmanagement und als Leiterin
einer Forschungsgruppe an einer Uni zog es mich zwischendurch und schließlich aktuell für einen deutlich längeren Zeitraum in den für mich immer noch schönsten Beruf: wieder in die klinische
Arbeit.
Jetzt, gut dreißig Jahre nach dem Erlebnis auf der ITS, begegnet mir in der Fort- und Weiterbildung das Thema Weitblick. Kurzfristiges Sparsamkeitsdenken - da könnten ja noch mehr kommen - könnte
den Blick verstellen auf Chancen und Möglichkeiten in der zukünftigen Entwicklung sowohl für die Lernenden als auch die Organisation selbst. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich die Erfahrung
gemacht, dass aus solchen Ereignissen meist etwas Gutes entstand.
Christa Weßel - Sonntag, 30 November 2025
Mehr zum Begriff Controlling im entsprechenden Abschnitt des Kapitels "Projekte steuern"
im Buch Beraten (2. Auflage, 2023)
post scriptum
[08 Feb 2026] Einige Lesende haben mich gefragt, ob es das Haus auf dem Foto tatsächlich gibt. Ja, es steht in der Nähe der westfriesischen Stadt Workum in den Niederlanden: Lieuwe Klazes Leane 3, 8711 HL Workum, Niederlande. Ein interssantes Haus: verkehrt oder doch nicht verkehrt?
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