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Dorf

Christa Weßel (2023) Raureif

 

Die Klinik, in der ich arbeite, gibt es seit mehr als 165 Jahren. Sie liegt in einem ländlichen Bereich und hat von Beginn an den Eindruck eines Dorfes auf mich gemacht. Immer wieder sind neue Gebäude dazugekommen, zuletzt 2022. Weitere Bauarbeiten laufen. 

 

Es gibt ein Café, eine Kirche, ein Krankenhaus (das neue Hauptgebäude), einige Praxen (die ambulanten Bereiche), zahlreiche "Wohnhäuser" (Stationen, Verwaltungsgebäude), eine "Schule" (Ergo-, Kunst- und andere Therapien), eine Turnhalle, ein "Restaurant" (Kantine), eine Fahrradwerkstatt, eine Gärtnerei, einen Bauernhof, Tiere, eine "Gemeinde-Verwaltung", eine große technische Abteilung mit den Bereichen Elektro, Tischler, Maler, Wäsche, Hol- und Bringedienste, Wegereinigung und eine "IT-Firma" (die  IT-Abteilung und einige Akteure im Consulting in enger Kooperation mit dem Bereich Elektro). Die Liste ist wahrscheinlich noch nicht vollständig. In diesem "Dorf" sind ungefähr fünfhundert Menschen stationär und ungefähr tausend Menschen arbeiten dort. Zu Freunden und Bekannten sage ich, wenn sie mich fragen, ob ich am Wochenende Zeit habe, falls ich Dienst habe: dieses Mal nicht, ich fahre ins Dorf. Und kürzlich sagte ich zum Pflegepersonal auf Station mittags 

 

Ich gehe mich hauen

Eine der zahlreichen In-house- Fortbildungen ist ein Vormittag oder Nachmittag zur Selbstverteidigung, den zwei Polizeibeamte uns immer mal wieder anbieten. Für mich war es nach gut einem Jahr das zweite Mal, und es hat sich wieder gelohnt. Der Schwerpunkt war ein etwas anderer als im Jahr zuvor. Das Gemeinsame waren einige Grundlagen. 

 

Aufmerksamkeit

Es gibt vier Stufen: weiß, gelb, orange, rot. Wenn unsere Aufmerksamkeit steigt, steigt sie mental und im Körper. Dies sind Puls, Blutdruck, Durchblutung der Muskeln, Adrenalin und etliche andere Hormone. 

  • Weiß: tiefenentspannt im geschützten Raum, zum Beispiel zuhause. Nicht gut, wenn mensch zum Beispiel Auto fährt, denn wir brauchen eine gewisse Grundspannung für die folgenden Stufen. 
  • Gelb: ich gehe raus (oder es kommt jemand zu mir), es könnte etwas kommen. Meine Aufmerksamkeit steigt. 
  • Orange: Die Aufmerksamkeit steigt weiter. Straßenverkehr ist ein gutes Beispiel. Der Mensch da an der Ecke, vielleicht bin ich mit meinem Rad schneller unterwegs als er annimmt. Und vielleicht nimmt er mir gleich die Vorfahrt. 
  • Rot: jemand greift mich oder einen Menschen oder ein Tier in meiner unmittelbaren Umgebung an. 

Reaktion

Drei Formen haben wir betrachtet: freeze, flight, fight.

  • Freeze: ich erstarre, nehme vielleicht eine Schutzhaltung ein.
  • Flight: ich renne weg, muss mich zuvor vielleicht noch losmachen.
  • Fight: ich wehre mich, bis der andere von mir ablässt oder ich unterliege.  

Es gibt noch weitere Reaktionen, zum Beispiel fawn, vor jemandem buckeln. Mehr dazu als Lektürestartpunkt zum Beispiel auf en.wikipedia.org vom 18 November 2025

 

Angemessenheit

Eine alte Dame, die mir etwas zeigen will, und meinen Unterarm oder meine Hand umklammert, um mich in ihr Zimmer zu führen, ist etwas anderes als ein 90-Kilo-Mensch (m, w, d), der auf mich losgeht. Erste Maßnahme: in gelb bis orange unterwegs sein. 

Und es gilt, eine angemessene Maßnahme zu wählen. Sich freundlich aber bestimmt aus dem Griff winden. Geht erstaunlich leicht. Abstand halten ist immer gut. Hände stets in Brusthöhe. Kopf mit dem Arm schützen, wenn ein Schlag kommt. Kopf einziehen, wenn jemand den Hals umklammert (will). Und selbst auch wegdrängen, schlagen, treten. 

Das fiel uns Teilnehmende schwer. Es waren geschätzte KollegInnen, die wir wegdrängen, schlagen und treten sollten - natürlich mit Schutzkissen. Und auch die Polizeibeamten waren sehr nett. Also fanden wir ein Hilfsmittel: an jemanden denken, der uns wütend macht. War hilfreich. 

Im klinischen Alltag haben wir ein Telefon am Körper mit einer Alarmfunktion. Hilfe kommt zumeist rasch und profund. Trotzdem brauchen wir manchmal diese Fertigkeiten. Und für den Alltag ist es auch ganz nützlich, denn leider steigt die Häufigkeit von verbaler und auch körperlicher Aggressivität im öffentlichen Raum. Dies war in unserer Abschluss-Reflexion unser geteilter Eindruck.

Die wichtigste Maßnahme ist und bleibt: De-Eskalation so früh wie möglich. 


Das war also einer meiner Schulbesuche, dieses Mal in der Turnhalle. Ein paar Tage später wechselte das Wetter von gefühlter Dauerdusche auf dem Arbeitsweg per Fahrrad zu Sonne und Frost. 

 

Meister

Als ich nach einer dreiviertel Stunde Fahrt bei minus drei Grad Celsius morgens das Fahrrad abschließen wollte, ging es nicht. Das Bügelschloss lies sich nicht öffnen. Also vertraute ich auf die Bewohner des Dorfes. Dass sie ähnlich wie in Canada nicht abgeschlossene Autos - hier Fahrrad - da lassen würden, wo sie stehen. Dies war der Fall. Gut eine Stunde später rief ich in der Fahrradwerkstatt an. Der Meister, der die Werkstatt leitet, sagte: Ja, natürlich könne ich es bringen. Sie würden es auftauen und auch sonst mal gucken.  Die Fahrradwerkstatt ist Teil der Ergotherapie in der Forensik und eine win-win-win-Sache. 

  • Patienten können in einer Werkstatt arbeiten und sich qualifizieren. Die Arbeit ist Teil des multi-modalen Therapiekonzeptes.
  • Die Klinik erhält echtes Arbeitsmaterial frei Haus. Es ist also realitätsnahe. Außerdem sind  Mitarbeitende weniger gestresst durch unvorhergesehene Pannen.
  • Das Fahrrad wird schick, also ist auch die Eigentümerin erfreut. Der erste Besuch zeigte, dass die Menschen in der Werkstatt das Schloss aufgetaut und geölt und Luft aufgepumpt hatten. Außerdem hatte der Meister das Rad geprüft, und er skizzierte einem "OP-Plan", als ich es abholte. 

Als ich nachmittags das Rad geholt hatte, ging ich noch mal kurz ins Stationszimmer. Ja, auch die Pflegenden hatten schon gute Erfahrungen mit der Werkstatt gemacht. Wenn das Rad länger bleiben muss, gibt es ein Leihfahrrad. Das wird für Steven der Fall sein (es ist ein Stevens-Rad). Der Meister und ich hatten als "OP-Termin" mit anschließendem kurzem "stationären Aufenthalt" den 15 Dezember verabredet: mehrere Kettenritzel, die Kette selbst, Bremsen und was sich sonst noch so findet. Ein paar Tage später könne ich Steven abholen. 


Dank der ersten Wartung ging es dann nachmittags entspannt nach Hause ins Wochenende. Ins Dorf geht es dann morgen wieder. In solch einem "Dorf" sich stabilisieren und gesünder werden zu können, sich wieder eher auf den Alltag "draußen" einlassen zu können, erleben und formulieren viele Patienten als wohltuend und hilfreich. Und manchmal sind sie erstaunt, dass Psychiatrie auf diese Art passiert. So sagte einer meiner Patienten zum Abschluss: das alles hatte ich nicht erwartet. Ich habe mir ein psychiatrisches Krankenhaus ganz anders vorgestellt. Von diesen neuen Erfahrungen und wie es mir geholfen hat, davon erzähle ich bereits. Auch in Social Media. Und ich will es fortsetzen. Damit Erkrankungen wie Depressionen und andere aus dem Feld der Psychiatrie im Bewusstsein der Menschen genauso selbstverständlich werden wie ein Herzinfarkt oder Diabetes. Und was Psychiatrie für sie tun kann. 

 

Mittlerweile tut. Ich bin zutiefst betroffen durch die Geschichte dieser Klinik im ausgehenden neunzehnten und bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts: schwere Verbrechen haben sich ereignet. Und es ist gut und war dringend an der Zeit, dass diese Klinik sich seit einigen Jahren offen und klar mit diesen Verbrechen auseinandersetzt und in meinen Augen ein die Menschenwürde achtendes und Patienten-zentriertes Arbeiten auf Augenhöhe verfolgt (als Ausgangspunkt zum weiteren Nachlesen zum Beispiel de.wikipedia.org vom 14. August 2025). 

Christa Weßel - Sonntag, 23 November 2023 


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