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Geschichten

Christa Weßel (2016) Schreiben

 

Hin und wieder gibt es in einem Dienst Zeit, um an einem Arztbrief zu basteln. Oder wie ich diese auch nenne: an einer Patienten-Geschichte. Gestern von 14 bis 20 Uhr war dies nicht der Fall. Es gab anderes zu tun (Blogs Im Feld und Im Haus). 

 

Warum ziehe ich den Namen Patientengeschichte der Bezeichnung Arztbrief oder auch Bericht vor? Es geht um einen Menschen. Es sind etliche Autorinnen und Autoren aus mehreren Berufsgruppen und ein IT-System daran beteiligt. Meine Aufgabe als Ärztin ist, dem Ganzen "einen Guss" zu geben. Aufnahme, Befunde und Medikamente einzufügen und den medizinischen Part in Therapie und Verlauf zu beschreiben. Ein wichtiger weiterer Teil ist darin der psychotherapeutische Verlauf. Hier ist die Autorin zumeist eine Psychologin, es sei denn, ich habe mit diesem Patienten therapeutisch gearbeitet. Dann ist auch dies mein Part. 

Die Autoren der Aufnahme sind je nach Art der Aufnahme diensthabende Ärzte, wenn der Patient abends, nachts oder an einem Wochenende oder einem Feiertag bei uns eintrifft. Wenn es eine geplante Aufnahme oder eine Akutaufnahme im normalen Tagesverlauf ist, führen eine Psychologin und eine Ärztin die Aufnahme durch und stellen den Patienten anschließend dem Oberarzt der Station vor. Dies dient der Sicherung des Facharzt-Status in der Versorgung des Patienten. Bei der Aufnahme entstehen die ersten Befunde: die Anamnese zu den aktuellen Geschehnissen, zur Vorgeschichte, zu den Lebensverhältnissen des Patienten sowie ein psychologischer, internistischer und neurologischer Untersuchungsbefund plus Bemerkenswertes an Bewegungsapparat und Gebiss. 

Befunde ist ein kurzes Wort für einen großen Teil der Geschichte. Die von den aufnehmenden Ärzten und Psychologen erhobenen und im Aufnahmebefund dokumentierten Untersuchungen sowie das Labor pflegt das IT-System in den Bericht ein. Weitere Autoren sind Internisten, Neurologen, Radiologen, Physiotherapeuten, Diätberater, Dermatologen und manchmal weitere Fachärzte, die den Patienten gesehen haben. Deren Befunde fließen ebenfalls ein. Ein weiterer wichtiger Teil der Befunde ist die psychologische Diagnostik. Sie kann Tests und Interviews zu Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Demenz und Einiges mehr enthalten. Diese psychologischen Befunde können einen Gesamtumfang von einer halben bis zu mehreren DIN-A4 Seiten erreichen.  

Die Befunde und der fortlaufende Kontakt des Patienten mit den beteiligten Berufsgruppen - Ärzte, Psychologen, Krankenpflege, Sozialdienst und andere - bilden die Basis für die fortlaufende Feststellung von Symptomen, ihrer Kombination zu Syndromen und der Herleitung von Diagnosen. Daraus entwickeln sich Entscheidungen zur Therapie und zu weiterer Diagnostik. Die Therapie, insbesondere die medikamentöse Therapie wird so lange angepasst, bis es für den Patienten passt. Infolge dieses fortlaufenden Prozesses lauten die Diagnosen bei Entlassung nicht immer so wie zum Zeitpunkt der Aufnahme. Gemeinsam mit dem Patienten finden wir mehr und mehr heraus.  Dies findet Eingang in die Schilderung von Therapie und Verlauf. 

Natürlich hat solch eine Patientengeschichte einen Ausblick. Er enthält Empfehlungen, wie es weiter gehen sollte, und einen Plan mit den Medikamenten zum Zeitpunkt der Entlassung. 

Der Patient kommt auch zu Wort: "Zur Entlassung berichtete XXX ..." Dies schließt auch ein, wie er ambulant weiter vorgehen möchte. Wichtig ist, dass Patienten, die stationär in einem Krankenhaus waren, eine gute ambulante Betreuung haben. Diese zu finden ist in vielen Fachgebieten in Deutschland derzeit schwer. Auch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapeuten, seien es Psychologen oder Ärzte, sind rar. 

Der Umfang einer solchen Geschichte? Eines Berichts, eines Arztbriefs zu einem stationären Aufenthalt in der Psychiatrie? Sechs oder auch zehn DIN-A4-Seiten sind es meist, nachdem ein Mensch drei, vier oder auch mehr Wochen bei uns war. Wer unterschreibt? Ein paar der hier genannten zahlreichen Mitwirkenden: die Psychologin, die Ärztin, der Oberarzt und der Chefarzt. 


Gestern war keine Gelegenheit, solch eine Geschichte zusammenzustellen. Dann also wieder ab Montag. Nun ist erst einmal Wochenende. 

Christa Weßel - Samstag, 01 November 2025

Blogrubrik Wandel im Gesundheitswesen

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