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Digital Kids

 

Seit zwei Monaten bin ich nun auf einer neuen Station und eine Modido. Wie berichtet, lässt es sich gut an. Konzentriertes und gleichzeitig entschleunigtes Arbeiten. Auch Zeit, um gemeinsam zu reflektieren. Patienten, unsere Arbeit und über den Tellerrand hinweg. Etliche erwachsene Menschen haben Probleme damit, den "aus-Knopf" ihrer Smartphones, Tablets und Computer zu finden. 


Eine Kollegin[1] meinte: mir fällt es auch schwer. Immer diese Filme, die einem angezeigt werden. - Du könntest es doch ausschalten oder anders einrichten. - Ja, ich weiß, aber du kennst das ja, macht man dann doch nicht. - Hm, kenne ich von anderen. Ich kenne aber auch Menschen, die das tun. - Das klingt gut. Ich frage mich, wie das für meine Kinder werden soll. 

Kürzlich war da doch die Anfrage einer Lebensmittelkette, die wollten Bilder von Kindern aus der Kita für eine Kampagne in den Social Media. Natürlich haben wir Nein gesagt. - Natürlich. Das ist gut, wenn es natürlich ist. - Ja, die Kinder fragten natürlich warum. Wir haben das versucht, ihnen zu erklären, dass die Bilder überall hingehen könnten. Aber erklär das mal Vier- oder Fünfjährigen. Ich frage mich, ob und wie lange wir den Kindern verweigern sollten, ein Handy zu haben. 

Sie schaute mich erstaunt an, als ich sagte: gar nicht. - Wie, gar nicht? - Kinder müssen lernen, wie sie mit Computer, Smartphone und Co umgehen können. Was es bedeutet, sich im Internet und in Sozialen Medien zu bewegen. Sie müssen hineinwachsen in diese Welt. So wie in die analoge Welt. So wie sie Fahrrad fahren lernen, lesen, schreiben, rechnen. Stück für Stück, Schritt für Schritt.

Es ihnen erläutern, in ihrer Welt, in ihrer Reife. Einer Fünfjährigen erläuterst du es doch auch, aber eben anders als einem Zwöfjährigen, wie das mit den Babys geht und was es mit körperlicher Liebe auf sich hat. Wir bringen ihnen nahe, warum und wo es wichtig ist, vorsichtig zu sein, und wie sie vorsichtig sein können. Und was schön sein kann und wie. 

Das funktioniert auch mit Computer und Co. Vor allem können wir auch Aspekte wie Ethik und Umgang mit anderen hineinbringen. Was es heißt, andere eben NICHT online zu mobben und nicht sich ständig und überall präsentieren zu müssen. Wie es funktionieren kann, verlässliche und Fake News von einander zu unterscheiden. Und wo der aus-Knopf ist.  

Eine unserer Verantwortungen ist dabei, die Geräte der Kids so mit ihnen zusammen einzurichten, dass sie sie altersentsprechend nutzen können. Eine weitere: ein Auge darauf zu haben, ob es gut läuft. Und eine dritte: ihnen zu zeigen, wie schick es ist, Zeit ohne Computer und Co zu verbringen. Wie schick es sein kann, nicht überall und jederzeit erreichbar zu sein. Wie schön es ist, ganz "normal" zu spielen, zu bauen, zu lernen, zu malen. Und wie faszinierend es sein kann, beide Welten zusammen zu bringen. Und wie cool es ist, Nein und Ja sagen zu können. Jedes zu seiner Zeit. 

Die Kids sind smart. Sie bringen uns Älteren im Handumdrehen Dinge bei, die wir in der digitalen Welt nicht auf dem Schirm haben.  

Und wie soll ich einer Fünfjährigen das erklären. Wie kann sie erfassen, was das Internet ist? - Never underestimate your child[2]. Kinder verstehen Märchen und Metaphern. Kinder haben Phantasie. Und Kinder können Welten verknüpfen. Ein Buch, das ich gerade als Hörbuch höre, zeigt es ganz wunderbar: "Oma lässt grüßen und sagt es tut ihr leid." Von Fredrik Backman, gelesen von Heikko Deutschmann. Vielleicht kennst du ja "Ein Mann namens Ole." Das ist auch von ihm. Und ebenfalls von Heikko Deutschmann gelesen. - Okay, ich werde darüber nachdenken. 


So kann also auch Reflektieren ganz spontan ein paar Minuten lang im Dienstzimmer gehen. Wie wir auf dieses Thema gekommen waren? Digitales ist auch immer wieder Thema bei Patienten

Der Fachbegriff für Hineinwachsen in die und souveränes Umgehen mit der digitalen Welt lautet Digitale Souveränität, zusammengesetzt aus Digitaler Kompetenz (ich kann es) und einer Kultur der Selbstbestimmung (ich mache oder lasse etwas, weil ich dies so will und nicht, weil "alle" es so machen oder wollen). Mehr dazu im Kapitel "Souveränität: digital und analog" im Buch Sozioinformatik (das ebook ist open access).  

ps.: Gleiches gilt für das andere Ende des Lebens. Es ist nie zu spät und - bis auf eine erhebliche Demenz - es ist immer möglich, zu lernen. Sie kennen sicher etliche Menschen, die mit Enkeln und Co digital souverän kommunizieren. 


Christa Weßel - Freitag, 01 Mai 2026

[1] Kollegen sind Menschen, mit denen ich arbeite, unabhängig von ihrer Berufsgruppe und unabhängig davon, ob sie in derselben "Firma" oder einer anderen Organisation sind oder auch selbständig. Und wieder sind unabhängig von der verwendeten Form alle Geschlechter gemeint: w, m, d.]

[2]angelehnt an einen Satz, zugeschrieben Ruth Cohn (1912-2010): never underestimate your client. 

Blogrubrik Sozioinformatik 

 

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