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Miniwochenende

Christa Weßel (2012) Sessel

 

Die Tür zum Büro der Sozialarbeiterin stand offen. Gelegenheit sich zu verabschieden. Zuerst noch einen Bezug zu einem Patienten, den wir darin unterstützen, eine gute neue Lebenssituation zu entwickeln. Dazu gehört Einiges mit Versicherungen, Ämtern und Co. Und dann "ich geh dann jetzt mal in mein Miniwochenende" - "Miniwochenende?" - "Ja, morgen ist doch Mittwoch. Als Modido Zeit für Schreibtisch und Co zuhause. Rechnungen für die Fortbildung bezahlen. Fachbücher kaufen und lesen. Und so weiter." - "Aha. Na dann viel Spaß." 


Der Erholungswert besteht tatsächlich. Nicht um fünf, sondern etwas später aufstehen. Entspannt mich genannten Dingen und noch diesem und jenem zu widmen, das weder zur Arbeit in der Klinik noch zur Freizeit gehört. Ein schönes Gefühl. Ungefähr vor einer Woche wurde mir klar, woran mich das erinnert. Das ist wie nach dem Physikum. Die ersten zwei anstrengenden Jahre und das erste große Examen (insgesamt waren es damals vier) waren geschafft. Wir hatten nun eine Idee, was in den folgenden Jahren auf uns zukommt. Nach dem Physikum ging es mit dem klinischen Teil des Medizinstudiums los. Wir - eine Lerngruppe von vier - nahmen ein bisschen das Tempo raus. 

So ist es auch jetzt. Die laut Weiterbildungsordnung (WBO) erforderlichen zwei Jahre Akut-Psychiatrie sind geschafft. Also nehme ich in der Klinik ein wenig das Tempo raus und reduziere die Arbeitszeit. Damit entsteht Zeit und Kraft für eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin in etwas umfangreicherem Ausmaß. 

Mediziner machen im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie einhundert Stunden Theorie und einhundertfünfzig Stunden Selbsterfahrung. Plus Balint-Arbeit und Supervision. Psychologische Psychotherapeuten haben eine deutlich umfangreichere Weiterbildung. Im aktuellen, bald ablaufenden Setting sind es ungefähr tausend Stunden, verteilt über fünf Jahre. 

Warum und wozu möchte ich deutlich mehr machen, als erforderlich? Weil mich Systemische Psychotherapie interessiert. Weil es inspirierend ist, mit Menschen aus anderen Berufsgruppen zu lernen. Weil ich es schön finde, mich in einer kontinuierlichen Gruppe auf ein Lernprogramm von mehreren Jahren einzulassen. Weil ich eine gute Therapeutin mit einem breiten theoretischen und praktischen Fundament werden möchte. 

Meine Freude ist groß, dass mir das Institut ermöglicht, an diesem umfangreichen Programm teilzunehmen. Entscheidend ist auch die herzliche Aufnahme durch die Teilnehmenden. Sie haben mich von Beginn als eine von ihnen in dieser Gruppe begrüßt. 


Um ein solches Vorhaben umsetzen zu können, ist es wichtig, meine Arbeitszeit auf Montag, Dienstag und Donnerstag verteilen zu können (plus Dienste an einigen Wochenenden). Dann entsteht Freiraum für die Seminare und Selbsterfahrungen, die vor allem freitags und samstags stattfinden. 

Die Klinik, in der ich derzeit bin, macht es möglich. In anderen Kliniken höre ich von Führungskräften aus dem medizinischen und auch Verwaltungsbereich eher Zurückhaltung. Meist seien es doch Menschen mit Kindern, die ihre Zeiten reduzieren und dann täglich früher gehen. Zwei Tage frei in der Woche? Warum? Das lässt sich nicht organisieren. Doch. 

Mit einer Personalfrau aus einer anderen Klinik habe ich kürzlich überlegt, dass es für Menschen jenseits der Familienphase sehr sinnvoll sein kann: Zeit zum Lernen, zum Engagement in anderen Bereichen, zum Regenerieren. Heute habe ich lange geschlafen. Bis um acht. Körper und Geist Mitte der Woche durchlüften zu können, ist für die Regeneration sehr förderlich. Dann arbeitet die eine eben als Modido (Montag, Dienstag, Donnerstag) und der andere als Dimifr (Dienstag, Mittwoch, Freitag). Und siehe da: sie sehen sich sogar persönlich. Weitere Kombinationen sind natürlich denkbar. Die Patienten? Sind versorgt. Und falls sie einen bestimmten Arzt in einer nicht ganz akuten Frage sprechen wollen, gedulden sie sich gerne. 

Eine weitere Hürde, die ich im Verlauf meiner Facharzt-Weiterbildung nehmen muss, ist ein Jahr Vollzeit Neurologie. Das entspricht dann ungefähr siebzehn Monaten Modido. Mal sehen, wann und wo ich so etwas finde. Zunächst einmal fühle ich mich wohl darin, als Ärztin in der Psychiatrie und insbesondere in der derzeitigen Klinik zu arbeiten. Es ist ein schönes Arbeiten dort und es gibt dort noch so viel zu entdecken. 

Christa Weßel - Mittwoch, 01 April 2026 


[Und wieder sind unabhängig von der verwendeten Form alle Geschlechter gemeint: w, m, d.]

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