Eine kurze Beschreibung Systemischer Therapie (ST)? Kurz? Puh, geht das? Ich wusste, in meinen Büchern aus Perspektive der Organisationsentwicklerin ist so viel drin. Also habe ich in den Büchern
gestöbert und einiges daraus zusammengestellt. Mir persönlich hilft es, Unterschiede zwischen systemsicher Beratung und der Arbeit als Therapeutin zu erkennen. Wenn es auch für Sie von Nutzen
ist, freue ich mich.
Wie es zu dieser Zusammenstellung kam, erzählt der Blog Systemische Therapie. Zu den hier genannten open access e-books geht es
via Books.
System
System:
etwsa aus mehreren Teilen zusammen gesetztes, dessen Teile miteinander in Beziehung stehen, und das ein gemeinsames Ziel verfolgt, sei es das einfache Existieren, Überleben.
Soziales System:
einen Zusammenschluss von Menschen zur Durchsetzung bestimmter Ziele. Sie stehen in Beziehung zueinander und im Austausch miteinander und lassen sich von umgebenden Systemen abgrenzen. Beispiele
sind: Familien, Wohngemeinschaften, Vereine, Unternehmen.
"Eine Organisation ist ein soziales System und kann sich daher nur aus sich selbst verändern"
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 49)
"Systemisches Denken bedeutet, unsere Umwelt und Teile davon, wie zum Beispiel ein Unternehmen, als komplexe Gebilde zu sehen, die wiederum Teil komplexer Gebilde sind (Schein 1985)."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 58)
"Vereinfacht gesagt, will die Organisation Unternehmen wie jedes andere System oder wie Organismen zunächst einmal überleben."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 47)
ST: Autopoese , Selbstorganisation
offen / geschlossen
(im Kapitel Netzwerkanalyse)
"Zunächst einmal legen Sie fest, ob Sie ein geschlossenes oder ein offenes System untersuchen wollen. In einem geschlossenen System untersuchen Sie die Beziehungen der Gruppenmitglieder
untereinander – zum Beispiel innerhalb eines Unternehmens. In einem offenen System fragen Sie auch nach Beziehungen nach draußen - zum Beispiel zu Kunden und Mitbewerbern."
(Werkzeuge, 2. Auflage, 2023, S. 74)
ST : ein Mensch oder auch eine Gruppe von Menschen können wir als System betrachten.
Ein Mensch hat unterschiedliche Stimmungen, Aufgaben und Rollen. Als Mutter ist sie anders als in ihrem Beruf als Pilotin. Als Bruder ist er anders als in seinem Beruf als Physiotherapeut.
Sozio-Technische Systeme
"In einem sozio-technischen System interagieren Menschen und Artefakte. Artefakte sind von Menschen hergestellte Gegenstände: Werkzeuge, Maschinen und damit auch Computer & Co. Dies bedeutet,
dass Menschen Computer & Co für ihre Bedarfe entwickeln – das allein wäre rein deterministisch - und die Rechnersysteme selbst die Menschen in Forschung und Entwicklung (F&E) und
Anwendungen beeinflussen. Diese Wechselwirkung und gegenseitige Beeinflussung sind Gegenstand des Social Shaping of Technology und der Actor Network Theory."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 144)
Systemisch
"Systemisch bedeutet, das Ganze im Blick zu haben und sich der zum großen Teil nicht sicher vorhersagbaren Abhängigkeiten von Ereignissen und Teilen des Systems, seiner Subsysteme und von außen
auf das System einwirkender Faktoren und weiterer Systeme bewusst zu sein (Schein 1985)."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 61)
"Voraussetzung für den erfolgreichen Weg der Lernenden Organisation und gleichzeitig die fünfte dieser Disziplinen ist nach Senge das systemische Denken (System Thinking). Es gilt, Menschen
(Individuen und Gruppen), Organisationen und transorganisationale Gebilde als Ganzes zu betrachten, vernetzt zu denken und Abhängigkeiten zu begreifen. Gerade Berater haben die Aufgabe, den
vielleicht eingeengten Fokus des Klienten zu weiten.
Vorgehensweisen und Instrumente des systemischen Denkens ermöglichen es dabei, Zusammenhänge, Beziehungen, Muster und damit ein größeres Bild zu erkennen und daraus Änderungen ableiten und
angehen zu können. Dazu fokussieren Klient und Berater ihre Arbeit wiederum. Anders ausgedrückt: Sie machen das Thema weit wie einen Trichter, der sich öffnet. Dann fokussieren sie das Thema
wieder, wie einen sich verengenden Trichter. Erst mit dieser fünften Disziplin können die vier anderen in der Organisationsentwicklung etablierten Disziplinen ihre jeweilige und gemeinsame
Wirkung entfalten."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 53 f.)
Die fünf Disziplinen des Organisationalen Lernens (Senge 2006)
"Persönliche Entwicklung (Personal Mastery)
Mentale Modelle (Mental Models)
Bildung gemeinsamer Visionen und Zukunftsbilder (Building Shared Vision)
Lernen im Team (Team Learning)
Systemisches Denken (System Thinking)"
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 52 f.)
Haltung in der OE und in der ST
OE: Organisationsentwicklung
Abschnitt
"2.8 Synopsis
Und los! (Kommando beim Ablegemanöver in Schleusen)
Fassen wir zusammen: Qualitative Untersuchungsmethoden zielen darauf ab, Wissen und neue Ideen zu entdecken, Menschen, soziale und soziotechnische Systeme und Prozesse zu verstehen und
Schlussfolgerungen zu ziehen.
[...]
Für die erfolgreiche Anwendung dieser Methoden sind einige Fähigkeiten förderlich:
o Die eigene Person hintan stellen: Es geht um die Menschen, die Sie befragen, nicht um eine Selbstdarstellung.
o Reflexionsfähigkeit, damit Sie Ihr Vorverständnis formulieren, Ihr Vorwissen und Ihre Vorurteile erkennen und angemessen damit umgehen können.
o Offen sein für Neues, damit Sie Wissen, Stimmungen und Ideen von Mitarbeitern, Kunden und Mitbewerbern kennenlernen können.
o Respekt vor den Menschen und sozialen Systemen, denen Sie begegnen und mit denen Sie arbeiten. Authentizität, Zuverlässigkeit und Diskretion, damit andere Ihnen vertrauen.
o Vertrauen, damit einer den Reigen des Vertrauens eröffnet.
o Methodensicherheit, damit Sie wissen, wann Sie welche Methode wie einsetzen.
Reflexionsfähigkeit können Sie üben. Die Punkte (1), (3), (4) und (5) sind Teil Ihrer persönlichen Entwicklung. Zur Methodensicherheit soll dieses Buch beitragen. Lassen Sie uns auf die Reise in
die Welt der Beobachtungen, Interviews und Fragebögen gehen."
(Entdecken, 2. Auflage, 2023, S. 59 f.)
Kommunikation
Kybernetik 1. Ordnung
Watzlawick und andere in
Menschen, 2. Auflage, 2023, S. 40 ff.
unter anderem: Eisbergmodell, 5 Axiome der Kommunikation
Veränderung
"Motto: Veränderung beginnt im System
Ein Unternehmen ist ein soziales System und kann sich daher nur aus sich selbst ändern. Systemisches Denken geht davon aus, dass sich ein Unternehmen aber sehr wohl von außen angestoßen werden,
beispielsweise durch Druck, Mangel oder gesellschaftliche Veränderungen."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 59 f.)
Klient, Patient, Kunde
Abschnitt
"Für Wen? - Kunde, Mandant, Klient
[...]"
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 42 f.)
Inhalt und Prozess
Abschnitt
"6.1. Der Klient kennt die Lösung
Im Verlauf von Beratungsprojekten sollten Klienten ihre Zukunftsbilder und Ziele beschreiben, Analysen durchführen, Strategien formulieren, Entscheidungen treffen sowie Maßnahmen identifizieren
und umsetzen können. Mit anderen Worten: Der Klient ist für den Inhalt und die Ergebnisse verantwortlich. Berater sind dafür verantwortlich, dass der Prozess des Projekts und somit der
Veränderung voranschreitet. Der Klient formuliert Ziele und Entscheidungen und setzt sie um. Beratung folgt auf diese Weise dem Grundsatz Der Klient kennt die Lösung. Klienten haben in der Regel
hohe fachliche und methodische Kompetenzen. Darum arbeiten Berater mit ihnen, nicht für sie.
Einen Ansatz dazu bietet Action Research. Dieser Ansatz geht auf Arbeiten von Kurt Lewin, Chris Argyris, Donald Schön und vielen anderen zurück. Kurt Lewin hat den Begriff Action Research in den
1940er Jahren geprägt (Lewin 1946). Er arbeitete am Massachusetts Institute of Technology, MIT, und führte Untersuchungen und Beratungen zur Gruppendynamik und zur Beziehung von Gruppen
zueinander durch. In den USA ist es Tradition, dass Wissenschaftler und Professoren auch Berater von Unternehmen, Behörden und anderen Organisationen sind. Lewin erkannte, dass die Soziologie nur
durch die enge Zusammenarbeit von Praktikern und Wissenschaftlern neue, relevante Erkenntnisse entwickeln kann:
"Socially, it does not suffice that university organization produce new scientific insights. It will be necessary to install fact-finding procedures, social eyes and ears, right into social
action bodies." (Lewin 1946, S. 38)
[...]"
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 142)
Auftragsklärung
"Die Beteiligten müssen sich über Ziele, Inhalte und Vorgehen einig sein. Dazu müssen Auftraggeber und Auftragnehmer eine Auftragsklärung durchführen und den Projektrahmen
beschreiben.
Auftraggeber und Auftragnehmer gibt es auch innerhalb einer Organisation, beispielsweise beauftragt eine Führungskraft ein Team. Der Auftrag setzt sich zusammen aus der Formulierung der leitenden
Frage, des Ziels, des Anlasses, der Beteiligten und ihrer Aufgaben, des Zeitraumes, des Ortes/der Orte und des Budgets. Er sollte etwas zu den Methoden sagen und beschreiben, was passiert, wenn
die Ressourcen ausgeschöpft sind. Dazu zählen mögliche Termin- oder Budgetüberschreitungen. Auch können Material oder Personal fehlen oder ausfallen. Wie und in welchem Umfang Sie die
Beteiligten, weitere Kreise im Unternehmen und die Öffentlichkeit informieren, müssen Sie ebenfalls mit dem Auftraggeber vor dem offiziellen Start des Projektes klären."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 106)
Auftrag
"Sowohl interne als auch externe Berater brauchen für ihre Beratungstätigkeit einen Auftrag des Klienten. Alles andere bedeutet nach Johannes Rau - Sie erinnern sich - "Ratschläge sind auch
Schläge." Es geht also darum, einen klaren Auftrag zu erhalten, beziehungsweise zu erteilen, einen Vertrag zwischen Klient und Beratungsfirma zu schließen und das Projekt erfolgreich
durchzuführen und abzuschließen.
[...]
Motto: Immer wieder klären
Im Verlauf von Projekten verschieben sich Umfänge, Aufgaben, Meilensteine, Ressourcen und auch Ziele. Daher ist es angeraten, immer wieder eine Auftragsklärung durchzuführen. Dies kann
beispielsweise in den mit dem Klienten angesetzten Routinetreffen, vor allem jedoch zu den Meilensteinen erfolgen. Wie schon zu Beginn fragen Sie nach Ziel, Aufgaben, Umfang. Hierzu bietet sich
die Anwendung der 8+1 W an, die im Kapitel beraten beschrieben sind. Vergewissern Sie sich auch immer wieder: Was ist erlaubt? Was ist nicht erlaubt?"
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 134)
Wertschätzende Erkundung
"Systemisch bedeutet, das Ganze im Blick zu haben und sich der zum großen Teil nicht sicher vorhersagbaren Abhängigkeiten von Ereignissen und Teilen des Systems, seiner Subsysteme und von außen
auf das System einwirkender Faktoren und weiterer Systeme bewusst zu sein (Schein 1985)."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 61)
Abschnitt
"2.3. Wertschätzende Erkundung
Wertschätzende Erkundung heißt auf Englisch Appreciative Inquiry. Cooperrider, Srivastva, Whitney und andere haben diesen Ansatz in den 1980er und 1990er Jahren entwickelt und seither weiter
ausgebaut. Wertschätzende Erkundung findet breite Anwendung in Beratung und Coaching für Teams, Organisationen, transorganisational und auch international für Profit-, Nonprofit und Regierungs-
wie Nichtregierungsorganisationen (Appreciative Inquiry Commons 2023; Cooperrider/Whitney/Stavros 2008).
Die Wertschätzende Erkundung gehört zu den Ansätzen der humanistisch-systemischen Organisationsentwicklung. Der Humanismus geht davon aus, dass der Mensch sich kontinuierlich zwischen seinem
Bedürfnis nach Autonomie und der Verbundenheit mit anderen bewegt, und dass der Mensch in der Lage ist, sein Leben basierend auf Vernunft und Geschicklichkeit selbst zu steuern, statt blind
Anordnungen zu folgen (Senge 2006; Cooperrider/Whitney/Stavros 2008). Systemisch bedeutet, das Ganze im Blick zu haben und sich der zum großen Teil nicht sicher vorhersagbaren Abhängigkeiten von
Ereignissen und Teilen des Systems, seiner Subsysteme und von außen auf das System einwirkender Faktoren und weiterer Systeme bewusst zu sein (Schein 1985).
Besonderes Merkmal der wertschätzenden Erkundung ist der positive Ansatz: Berater untersuchen mit dem Klienten, was in seiner Organisation oder bei ihm persönlich besonders gut ist oder läuft und
was gut werden könnte. Dabei gehen die Anwender der wertschätzenden Erkundung davon aus, dass sich unsere Aufmerksamkeit auf das richtet, wonach wir fragen. Es macht also einen erheblichen
Unterschied, ob Sie fragen "Wo liegt das Problem? Was fehlt? Was läuft nicht gut?" oder ob Sie fragen "Was ist das Beste, das wir haben? Was können wir sehr gut? Was können wir alles noch
schaffen?"
Dieser Ansatz liegt mir, weil er dem salutogenetischen Ansatz von Aaron Antonowski (1858-1929) nahe ist. Die klassische, westliche Medizin schaut auf Defizite und Krankheiten eines Menschen und
entwickelt - neben einigen Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung - vor allem Therapien. Salutogenese betrachtet und arbeitet mit den Möglichkeiten, die Menschen zur Bewahrung,
Wiederherstellung und Förderung ihrer Gesundheit haben, und zwar in körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Hinsicht (Antonowski 1979).
Außerdem bezieht wertschätzende Erkundung den Klienten in den Veränderungsprozess mit ein und folgt damit dem Ansatz des Action Research, auf den ich im Kapitel ziele und Strategien entwickeln
näher eingehe und welchen ich im Band IV entdecken ausführlich vorstelle. Wertschätzende Erkundung stützt sich auf fünf Leitgedanken (engl.: principles).
Leitgedanken
Konstruktivistisch (engl.: constructionist principle): Das, von dem wir glauben, es ist wahr, beeinflusst unser Denken und Handeln. Menschen konstruieren durch ihre Handlungen ihre Umgebungen,
auch ihre Unternehmungen.
Gleichzeitigkeit (engl.: principle of simultaneity): In dem Moment, in dem wir ein System untersuchen - sei es eine Gruppe oder ein Unternehmen - verändern wir es. Daher habe ich für den Band IV
entdecken das Motto gewählt "Jede Analyse ist eine Intervention."
Poesie (engl.: poetic principle): Menschen drücken ihre Identität, auch die Identität ihres Unternehmens durch Geschichten aus. Geschichten, die sich im Laufe der Jahre ändern. Die Menschen im
Unternehmen sind Co-Autoren ihres Unternehmens.
Antizipatorisch (engl.: anticipatory principle): Unsere Vorstellunge
von der Zukunft - persönlich, im Unternehmen, gesellschaftlich - beeinflussen unser Handeln. Wenn Sie Astronaut werden wollen, werden Sie aller Wahrscheinlichkeit nicht anfangen zu rauchen. Wenn
Sie an ein Projekt glauben, werden Sie versuchen, es in Ihrem Unternehmen zu realisieren. Wenn Sie glauben, es wird eine Wirtschaftskrise geben, werden Sie versuchen, Ihr Eigentum zu
schützen.
Positiv (engl.: positive principle): Positive Gefühle und Einstellungen mobilisieren Energie in einzelnen Personen, in Gruppen, in Unternehmen und in größeren Zusammenhängen. Zu solchen Gefühlen
gehören Hoffnung, Zuversicht, Inspiration und das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, mit ihnen an einem Strang zu ziehen. Solche Gefühle fördern Kreativität, Offenheit für Neues, Flexibilität
und den Zusammenhalt der Beteiligten. Dadurch werden auch der Umgang mit Konflikten leichter und die Angst vor Neuem und Ungewissen geringer."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 61 ff.)
Fragen
Abschnitt
"1.4. Eine kurze Geschichte über das Fragen"
(Entdecken, 2. Auflage, 2023, S. 32 ff.)
in der ST zum Beispiel:
zirkuläre Fragen
(wende ich auch in der Organisationsberatung und -Entwicklung und im Coaching an)
Einbeziehung des Klienten
mit Action Research und Wertschätzender Erkundung
(Entdecken, 2. Auflage, 2023, S. 36 ff.)
"Nicht an sondern mit den Beforschten
[...]
Kurt Lewin hat diesen Einbezug der Beforschten Action Research genannt. Charakteristisch für Action Research ist der Wechsel zwischen Handlung und Reflexion. Kurt Lewin (1890-1947) ist einer der
Väter der qualitativen Forschung und der Organisationsentwicklung.
Nach seiner Flucht aus Europa 1933 forschte und lehrte er zuletzt am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Unter anderem untersuchte er, wie ein System und die Menschen darin sich
verändern und verändern lassen. Seine Arbeiten zur Gruppendynamik und zu Veränderungsprozessen mündeten unter anderem in zwei Entwicklungen (Lewin 1946; 1947; 1953): Action Research und
Defreeze-Change-Freeze-Prozess. Lewin meint mit defreeze, dass Menschen zunächst aus ihren derzeitigen Werte-, Normen-, Regel- und Verhaltensmustern herausgehen müssen. Dabei müssen sie Hemmungen
und Widerstände überwinden. Dann können sie sich verändern: change. Um diese Veränderung nachhaltig werden zu lassen, müssen sie sie verinnerlichen, "einfrieren": freeze. Dabei sollten die
Beteiligten mit behindernden und fördernden Kräften bewusst umgehen. Diese Kräfte hat Lewin in seiner "Kraftfeldanalyse" (engl.: force-field analysis) beschrieben (Lewin 1947)."
(Entdecken, 2. Auflage, 2023, S. 36 f)
ST : Reflecting Team
Netzwerkanalyse
"Wer mit wem?
Der Mensch ist ein soziales Wesen und Unternehmen und andere Organisationen sind soziale Systeme. Menschen, Gruppen und Organisationen sind Einheiten, die miteinander in Beziehungen stehen. Sie
bilden Netze. Die Netzwerkanalyse ist ein sehr gutes Instrument, um Zusammenhänge und die Art, wie Menschen zusammenarbeiten, zu verstehen und Motive, Ziele, Wünsche, Ideen, Ängste und Hoffnungen
zu erkunden.
Die Netzwerkanalyse ist ein mittlerweile zentrales Werkzeug auch in der Informatik und der Sozioinformatik (Weßel 2021). Jacob Levy Moreno (1889–1974) hat in den 1930ern die Netzwerkanalyse zur
Untersuchung und Interpretation von Gruppen, sozialen Strukturen und Beziehungen bekannt gemacht (Moreno 1974) - auf einem Medizinischen Kongress. Vor allem Kulturanthropologie und Ethnographie
untersuchen seit mehr als hundert Jahren soziale Netze.
[...]"
(Werkzeuge, 2. Auflage, 2023, S. 73 ff.)
Narrative, Geschichten und Muster
"Unsere ITler sind blass und immer in Turnschuhen unterwegs.
Narrative sind Sprüche, Redewendungen und Geschichten aus dem Unternehmen. Muster begegnen Ihnen in Verhaltensweisen, unter anderem als Rituale in Besprechungen, aber auch als Vorgehensweisen in
Entscheidungsprozessen.
[...]
Muster und Narrative geben Auskunft über das Innere einer Organisation, seine Werte und Regeln und seine Art, Entscheidungen zu treffen."
(Werkzeuge, 2. Auflage, 2023, S. 72)
ST: ersetze Organisation mit Klient und Klienten-System und Patient und Patienten-System
Konstruktive Beunruhigung
"... Veränderungen in einem System erfolgen aus dem System heraus durch eine Störung. Donald Schön (1973) spricht von Transformationen. Wird ein System gestört, ob von innen oder von außen, zum
Beispiel durch eine Wirtschaftskrise, eine Pandemie oder eine Beratergruppe, verändert sich das System.
Heute schon gestört?
Die Störung ist also ein zentraler Ansatz in der Beratung. Dabei ist Störung nicht mit Zerstörung zu verwechseln. Gemeint ist die konstruktive Beunruhigung des Klienten. Sie können seine Routine
durch Fragen oder Kommentare unterbrechen. Bei Kommentaren sollten Sie gleichzeitig Provokation und Respekt ausstrahlen. Dies ist eine erlernbare Kunst. Dabei gilt: je jünger die Berater sind,
desto höher ist die Gefahr der Provokation. Oder möchten Sie sich als Führungskraft oder erfahrener Experte von einem frischgebackenen Absolventen alles sagen lassen? Also sind
Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt.
Zu beachten ist dabei, dass Berater mit dem Klienten auch ein System bilden und mehr oder weniger Teil seines Systems werden. Völkerkunde und Soziologie sprechen davon, dass Forscher und Berater
Teil des Feldes werden. Das Feld ist das Unternehmen, die Abteilung oder das Team. Dies hängt davon ab, wo und wie Sie sich bewegen. Mittels Reflexion und durch eine angemessene Sprache und
Handlungen können Sie sich selbst und dem Klienten deutlich machen, wo Sie sich im System befinden und wie Sie zu Ihrem Klienten stehen. Dabei ist eine wertschätzende Distanz zu empfehlen.
[...]
Eine Beunruhigung des Klienten kann erst durch seine Mitarbeit konstruktiv werden. Er muss sich auf die Frage der Beraterin einlassen. Dies fällt Klienten in der Regel bei externen Beratern
leichter als bei internen. Externe Berater haben Abstand und verlassen die Organisation wieder. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient sein Gesicht wahren kann. Beunruhigende Fragen
zu stellen und dabei gleichzeitig den Klienten wertzuschätzen, ist ein Ansatz aus dem Coaching. Dazu gehört auch, den Klienten in seinem Selbstvertrauen zu stärken. Wichtig ist es, am Ball zu
bleiben und zu verfolgen, ob der Klient weiter am Thema arbeitet."
(Beraten, 2. Auflage, 2023, S. 146 ff.)
Christa Weßel - Sonntag, 08 Februar 2026
Lesestoff
In den erwähnten Büchern (books) finden Sie weitere Quellen.
Blogrubriken Organisationsentwicklung, Together, Wandel im Gesundheitswesen
< Systemische Therapie dieser Eintrag Konzentrat >
