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Systemische Therapie

Christa Weßel (2015) Netz


"Sind Sie auch ganzheitlich unterwegs?" Frage einer Patientin(*) am Ende des Aufnahmegesprächs, weil auch Lebensweise, Lebensbedingungen und Therapien jenseits der westlichen Schulmedizin Thema gewesen waren. "Ja, und darum mache ich Psychiatrie." Sie nickte. 


Die Psychiatrie ist in meinen Augen eines der wenigen Felder in der Medizin und im Gesundheitssystem der Gegenwart, das auch in Akut-Krankenhäusern Zeit schenken kann. Zeit für eine ganzheitliche und auch systemische Arbeit. Klienten, Patienten, Kollegen fragen mich immer mal wieder: was ist das? Systemisch? Zuletzt fragte mich vor einigen Tagen ein Arzt nach einer Kurzbeschreibung der Systemischen Therapie  (ST). Er wolle dies gerne, um sie kennenzulernen und um vielleicht auch anderen davon zu berichten. 

Kurz? Puh, geht das? Ich wusste, in meinen Büchern aus Perspektive der Organisationsentwicklerin ist viel drin. Also habe ich in den Büchern gestöbert und einiges daraus zusammengestellt (Blog Systemisch revisited). Mir persönlich hilft es,  Unterschiede zwischen systemischer Beratung und der Arbeit als Therapeutin zu erkennen. Wenn es auch für Sie von Nutzen ist, freue ich mich. 

 

ST kurz

Kurz gesagt: wir (ST-Menschen) sehen einen Menschen nicht isoliert, sondern selbst als System und als Teil weiterer Systeme. Der Mensch ist Experte für seine Belange, also für den Inhalt. Wir professionellen Experten sind für den Prozess verantwortlich. Unsere Aufgabe ist es unter anderem, weitere Akteure einzubeziehen und mit allen Beteiligten auf Augenhöhe mit Offenheit, Neugier, Perspektivenwechsel, Wertschätzung und Respekt zusammen zu arbeiten. 

Es gibt keinen Defekt in einer Person oder einem System, sondern es gibt Störungen. 

ST ist zukunfts- und ressourcen-orientiert und salutogenetisch. 
Zukunft: wo möchte ich hin? wie will ich leben? was möchte ich verwirklichen?
Ressourcen: was ist schon da? was kann ich gut? wer und/oder was unterstützt mich?
Salutogenese: was und/oder wer tut mir gut? wie kann ich mir selbst gut tun?

Die klassische, westliche Medizin schaut auf Defizite und Krankheiten eines Menschen und entwickelt - neben einigen Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung - vor allem Therapien. Salutogenese betrachtet und arbeitet mit den Möglichkeiten, die Menschen zur Bewahrung, Wiederherstellung und Förderung ihrer Gesundheit haben, und zwar in körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Hinsicht (Aaron Antonowski, 1858-1929).

 

System

Ein System ist ein von der Umgebung abgrenzbares Konstrukt. Wie so oft, finde ich auch in diesem Fall die Definition eines Begriffes in der englischen Wikipedia am besten: 

 

A system is a group of interacting or interrelated elements that act according to a set of rules to form a unified whole.[1] A system, surrounded and influenced by its environment, is described by its boundaries, structure and purpose and is expressed in its functioning. Systems are the subjects of study of systems theory and other systems sciences.
Systems have several common properties and characteristics, including structure, function(s), behavior and interconnectivity. 
Wikipedia contributors, 'System', Wikipedia, The Free Encyclopedia, 2 February 2026, 17:28 UTC, <https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=System&oldid=1336235681> [accessed 8 February 2026] 


Ein soziales System setzt sich aus Menschen zusammen. Wachsende Bedeutung haben seit einigen Jahren sozio-technische Systeme (Sozioinformatik 2023). Ein soziales System kann eine Person sein: Ein Mensch hat unterschiedliche Stimmungen, Aufgaben und Rollen. Als Mutter ist sie anders als in ihrem Beruf als Pilotin. Als Bruder ist er anders als in seinem Beruf als Physiotherapeut. Ein System kann auch eine Familie, eine Gruppe, ein Team, ein Unternehmen und vieles mehr sein. 

 

Systemische Therapie

ST entwickelt sich seit etwa der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hat mehrere Wurzeln. Aus psychologisch-therapeutischer Sicht betrachtet liegen die Wurzeln in der Psychoanalyse und der Abgrenzung von ihr und in der Familien-Therapie. Aus soziologischer Sicht gibt es Wurzeln in der Kommunikationstheorie, der Systemtheorie, der Chaos-Theorie und einigen anderen. Ich selbst bin über die Medizin, die Unternehmensberatung, ein Public Health Studium und die Informatik nach und nach in die Systemische Arbeitsweise hineingewachsen. Alles ist System, alles ist vernetzt und früh -  auf der Intensivstation - wusste ich: mit Familie, mit Einbezug des Systems kann es besser werden als ohne (Blog Entscheiden). 

 

Haltung

In der Haltung ist aus meiner Sicht entscheidend: 

Der Klient kenn die Lösung. Bedeutet: der Klient ist für den Inhalt unserer Zusammenarbeit verantwortlich. Er ist Experte für sein System, sein Anliegen, sein Ziel. Die Beraterin, der Psychologe, die Ärztin und all die anderen professionellen Experten sind verantwortlich für den Prozess, den Ablauf, den Rahmen. In die Medizin übersetzt heißt dies: nur wenn ein Patient gesund werden will, werden wir Erfolg haben. Extrem formuliert: ein Kind, das seinen Lebenswillen verloren hat, können wir nur retten, wenn wir dem Kind Möglichkeiten geben, wieder einen Lebenswillen zu entwickeln. 

Aus diesem entwickelt sich der Grundsatz der Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Augenhöhe mit Offenheit, Neugier, Perspektivenwechsel, Wertschätzung, Empathie und Respekt. 

Es gilt, sich immer wieder gemeinsam zu vergewissern, was ist der Anlass, das Anliegen und der Auftrag des Klienten. 

Von Bedeutung sind auch die Bereitschaft, sich immer wieder selbst als professioneller Experte in Frage zu stellen, und das hierfür erforderliche Setting (Zeit, Raum, KollegInnen, SupervisorInnen). 

 

ST-Bausteine

ST ist theoriegeleitet, verwendet wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit untersuchte Methoden und ist evaluierbar. ST arbeitet mit sowohl-als auch, mit Fragen, mit Dialog, mit Genogrammen, Interviews, Visualisierungen, Aufstellung und vielem mehr. ST arbeitet multi-disziplinär. Es gibt das betroffene soziale System, das Therapeuten-Team und - ein wichtiger Baustein - das Reflecting Team. Transparenz und Vertrauen sind wichtige Teile ihres Fundaments. 

ST kennt eigentlich nicht den Begriff "Patient". ST sieht Störungen und Ver-rückheit als Hilferuf, einen Menschen mit diesen Belastungen als Symptomträger in einem System.

 

ST und die Krankenversicherungen

Seit einigen Jahren haben nun die Gesetzlichen Krankenversicherung die ST als vergütungsfähiges Verfahren anerkannt (GBA 2020). Es gibt etliche Psychologen, die dieses Verfahren anwenden und auch unter den Ärztinnen findet es zunehmend Anklang und Verwendung. 

 

ST als Ärztin

Für mich persönlich gab es keinen Zweifel, dass dieses Verfahren das Richtige für meine Arbeit in der Psychiatrie ist. Doch, einen Zweifel gab es, ungefähr sechzig Minuten lang: als klar wurde, dass die Klinik, in der ich meine Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie begonnen habe, derzeit keinen Grund sieht, mich darin finanziell zu unterstützen. 

Als Systemikerin sage ich dazu: okay, ich kann das Zögern nachvollziehen. Die Tiefenpsychologische und Verhaltenstherapeutische Weiterbildung kann in der Klinik zu einem Großteil intern aus eigenen Ressourcen erfolgen. Ich muss nach draußen und muss es dort auch bezahlen (tue ich gern). Ich bleibe zuversichtlich: in zehn Jahren wird in vielen Kliniken eine Weiterbildung mit dem Schwerpunkt ST selbstverständlich sein.  

 

Zusammen

Wie von anderen Patienten, mit denen ich zum ersten Mal spreche, verabschiedete ich mich von der zu Beginn erwähnten Patientin  mit "ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit." Es gibt bei den Patienten allenfalls einen kurzen erstaunten Blick. Zusammenarbeit? Ah, Augenhöhe, und sie hatte es ja gesagt: den Hauptteil tue ich selbst. Also nicken sie und sagen: "ich auch." 

 

Christa Weßel - Sonntag, 08 Februar 2026 

 

(*) wie immer: unabhängig von der verwendeten Form sind w,m,d gemeint. 

 

post scriptum

Einige Lesende haben mich gefragt, ob es das Haus auf dem Foto im Eintrag Entscheiden tatsächlich gibt. Ja, es steht in der Nähe der westfriesischen Stadt Workum in den Niederlanden: Lieuwe Klazes Leane 3, 8711 HL Workum, Niederlande. Ein interssantes Haus: verkehrt oder doch nicht verkehrt? 

 

Lese- und Hörstoff

  • Gemeinsamer Bundesausschuss GBA (2020). Psychotherapie-Richtlinie: Systemische Therapie bei Erwachsenen - https://www.g-ba.de/beschluesse/4028/ (besucht am 08 Feb 2026)
  • Hermanns, Björn Enno; Beermann, Astrid (2024) Systemische Psychotherapie: Lehrbuch für Studium und Weiterbildung. 1. Auflage. Springer Verlag.
  • Hunger-Schoppe, Christina (2020). Systemische Therapie. 1. Auflage. Kohlhammer-Verlag.

kurz geht doch: 

In den eingangs erwähnten Büchern (books) finden Sie weitere Quellen.