Evidence-Based Management

und Evidence-Based Consulting

Wachsen

Wer nutzt wie den Begriff Evidence-Based Consulting? Letzte Woche hatte ich kurz erwähnt, dass Evidence-Based Practice vor allem aus Medizin und Pflege stammt. Ein kurze orientierende Recherche im Netz und speziell auf scholar.google.com bestätigt dies. Rasch fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Evidence-Based Management.

Passt sehr gut, denn Berater arbeiten vor allem mit Entscheidern. Anders ausgedrückt: Consulting findet mit Management statt. Ich habe den Eindruck, jetzt wird es rund: Psychosoziales aus der Organisationsentwicklung, Web n.0 (es kommt bestimmt noch etwas nach 4.0) aus der Informatik und nun Evidence-Based Management aus der Ökonomie.

In der ersten orientierenden Recherche findet sich ein Buch: "Hard facts, dangerous half-truths, and total nonsense: Profiting from evidence-based management". Erster Eindruck aus der Zusammenfassung: vor allem Statements.

Da ist die Präsentation von Barends und Plum von einem ganz anderen Kaliber. Sie stellen in sehr klarer Form die klassischen fünf Schritte der Evidence-Based Practice (EBP) in Anwendung auf Management und Consulting vor: "Evidence based consulting: Rapid Evidence Assessments for large organizations". Barends und Plum gehören zum Center of Evidence Based Management, "a non-profit member organization dedicated to promoting evidence-based practice in the field of management. We provide support and resources to managers, consultants, organizations, teachers, academics and others interested in learning more about evidence-based management." [http://www.cebma.org/ 03 Nov 2015].

CEBMa bietet einen großen Schatz an Quellen und Material - und natürlich können Sie dort mitmachen.

Hier schließt sich der Kreis, beziehungsweise komme ich mal wieder an einer Stelle in der Helix vorbei, an der ich in einer früheren "Umdrehung" schon einmal war. Das Bild der Helix stammt aus dem Qualitätsmanagement: Sie drehen sich nicht im Kreis und machen Plan-Do-Check-Act, sondern Sie entwickeln sich kontinuierlich weiter im Rahmen des Continued Quality Improvement.

Evidence-Based Medicine habe ich Mitte der 1990er Jahre als Ärztin kennengelernt und auch den - doch ja, ich schreib das so - großen David Sackett in einem Vortrag erlebt. Er hat mit einigen Kollegen die Definition von Evidence-Based Medicine - der Beleg- oder auch Beweis-basierten Medizin - entwickelt, die aus den vor einer Woche beschriebenen drei Säulen besteht: wissenschaftliche Studien, Expertise des Arztes und Bedürfnisse und Wünsche des Patienten. Wenige Jahre später konnte ich dies in meiner Dissertation in Basel vertiefen und ein paar Jahre darauf auch in Aachen lehren. Auch in meiner Masterarbeit tauchte es wieder auf. Also ein Dauerthema.

Und hier nun die klassischen Schritte, wie Evidence-Based Medicine und damit auch Evidence-Based Management - schön oder auch verwirrend, beide sind "EBM" - funktionieren. Es geht hier vor allem um die erste der drei Säulen, das Eingrenzen und Finden der wissenschaftlich fundierten Quellen, die die Entscheidungsfindung unterstützen. Auf http://www.cebma.org/a-definition-of-evidence-based-management/ finden Sie eine englische Version der hier vorgestellten Schritte

  1. Fragen (ask): Formulieren Sie das Thema oder Ihr Problem als beantwortbare Frage.
  2. Finden (acquire): Suchen und finden Sie systematisch - das heißt in unterschiedlich Datenbanken - Belege und Beweise (*).
  3. Bewerten (appraise): Beurteilen Sie kritisch die Glaubwürdigkeit und Relevanz des Beleges (**).
  4. Verdichten (aggregate): wägen Sie die gesammelten Belege ab und stellen Sie sie zusammen.
  5. Anwenden (apply): beziehen Sie die Belege in Ihren Entscheidungsprozess ein.
  6. Einschätzen (assess): wägen Sie das zu erwartende Ergebnis dieser Entscheidung ab.

* = acquire heißt also wissenschaftliche Literaturarbeit (Umberto Eco zeigt wie es geht).
** = evidence bedeutet sowohl Beweis als auch Beleg; eigentlich gibt es Beweise nur in der Mathematik, also eher: Belege.

In der Medizin und in deutlich geringerem Umfang auch in der Soziologie - Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft - gibt es fünf Stufen der Evidenz in den Studienarten (auf Deutsch kann Evidenz auch das Offensichtliche heißen – klären Sie also mit Ihren Gesprächspartnern, worüber Sie sprechen):

  • Stufe I: (Stärkste Evidenz) wenigstens ein systematischer Review auf der Basis hochwertiger randomisierter kontrollierter Studien (RCT - randomzied controlled trials ***).
  • Stufe II: wenigstens ein großes methodisch hochwertiges RCT.
  • Stufe III: methodisch hochwertige Studien ohne Randomisierung, bzw. nicht prospektiv (Kohortenstudie, Fallstudie,…).
  • Stufe IV: methodisch hochwertige nicht-experimentelle Studien (>1).
  • Stufe V: (Schwächste Evidenz) Meinungen und Überzeugungen von Autoritäten und Expertenkommissionen (ohne transparente Belege).

*** = RCT: es gibt eine Kontroll- und mindesten eine Interventionsgruppe. Weder die Teilnehmer (Patienten) noch die Intervenierenden (Ärzte, Pflege, andere) wissen, ob die Teilnehmer zur Kontroll- (z.B. Placebo) oder zur Interventionsgruppe (z.B. Medikament) gehören.

Dabei ist ein angemessenes Studiendesign zu berücksichtigen. Sie können zum Beispiel nicht eine Kontrollgruppe bilden, die eine lebensrettende Operation nicht erhalten soll. Die Appendectomie (umgangssprachlich Blinddarmentfernung) ist ein Beispiel dafür. Hier können Sie allenfalls verschiedene Operationstechniken, die Diagnostik und die Nachbehandlung vergleichen. Sie können auch nicht einer Gemeinde Wasseranschlüsse geben und der anderen nicht, allenfalls verschiedene Arten der Wasserversorgung vergleichen. Teil III "Fragebögen" im Buch "Elche fangen ..." geht auf das Thema Studiendesign ein.

Es gibt auch einen Kurs der Open Learning Initiative, in dem Sie "Evidence-Based Practice In Management And Consulting" lernen können. Er ist zwar noch nicht ganz vollständig, bietet auf jeden Fall schon mal einen Einstieg. Umfassendes Lern- und Lehrmaterial finden Sie bei der  CEBMa. Stöbern Sie dort beispielsweise auf "Resources and Tools".

Eigentlich bin ich an Bord, um die Überarbeitung von "Basiswissen Consulting" abzuschließen. Fortlaufend kommt Neues: Appreciative Inquiry (4.8.2015), Ressourcen-orientierte Sichtweise (1.9.2015), Level 5 Leadership (24.09.2015), Reinventing Organizations (29.10.2015) und nun Evidence-Based Management und Consulting. Schreibe ich also Buch+Blog.

Christa Weßel 03.11.2015

(04.11.2015: Schreibfehler korrigiert)

Erwähnte Quellen - Viel Freude beim Stöbern:

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