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Zeit.Raum.Wertschätzung

und über die Bedeutung von Rhythmus und Kontext

Uhr im Park

Zeit.Raum.Wertschätzung. Diese drei sind Basis und Ausgangspunkt guten Lernens, Arbeitens und des Lebens überhaupt. Sie tauchen in Reflexionen mit Klienten und Studierenden immer wieder auf, wenn wir über "gute" Arbeitsbedingungen nachdenken. Ich schreibe gut in Anführungsstrichen, weil dies eine sehr subjektive Angelegenheit ist. Jeder Mensch hat eine andere Einstellung zu "gut", worauf sich gut auch immer beziehen mag - Arbeit, Freunde, Familie, Liebe, Umwelt, gesellschaftliche oder politische Entwicklungen.

2014 bin ich zum ersten Mal Edward Hall begegnet, leider nicht persönlich. Er lebte von 1914 bis 2009 und hat wunderbare Bücher über die Kultur_en der Menschen geschrieben. Ich hatte über die Beziehung von Zeit und Raum und Rhythmus recherchiert und sein Buch "The Dance of Life" (1983) gefunden.

 

Rhythmus

Es ist so einfach und darum gut (einfach ist gut). Menschen leben gut miteinander, wenn sie einen gemeinsamen Rhythmus finden.

Sie haben es vielleicht selbst schon erlebt. Sie gehen mit einem Menschen, den Sie zum ersten oder zweiten mal treffen, und bewegen sich in gleicher Schrittlänge und gleichem Tempo. Sie wenden sich einander gleichzeitig zu. Gesprächspausen entwickeln sich harmonisch. Sogar Ihre Körperhaltungen und Gesten haben einen gemeinsamen Rhythmus. Dazu müssen Sie nicht gleich alt oder gleich groß sein. Das geht auch mit einem Meter fünfundneunzig und einem Meter fünfundsechzig. Hall nennt so etwas Synchronizität.

Er berichtet in "Dance of Life" von einer Langzeitbeobachtung eines Schulhofes. Nach Wochen der Analyse einer ungefähr fünfminütigen Sequenz erkannte einer seiner Studenten zusammen mit einem Musiker einen Rhythmus. Die Kinder bewegten sich nach einem Lied. Ein Mädchen war dabei auf dem ganzen Schulhof unterwegs und brachte die Gruppen miteinander in Kontakt. Hall leitete daraus die These ab, dass nicht unsere Kulturen von bestimmten Musiken geprägt werden, sondern es ist umgekehrt. Die Musik spiegelt den Rhythmus einer Kultur.

Dies kann ich gut nachvollziehen, wenn ich an die verschiedenen Phasen der klassischen Musik, des Jazz oder der Rock- und Popmusik denke und wenn ich die Musik anderer Kulturen erlebe, sei es der Aboriginal Australians, der Native Americans (Indianer und Inuit) oder in Afrika.

Hall hat noch weitere Konzepte der Kulturanthropologie entwickelt, die sich um Raum, Zeit und Wertschätzung drehen.

 

Raum

In "The hidden dimension" (1966) und in dem mit seiner Ehefrau Mildred Reed Hall publizierten "The Forth Dimension in Architecture. The Impact of Building on Behavior" (1975) geht es um die Bedeutung des Raumes und der Distanzen, die Menschen einander zugestehen, englisch proxemics.

 

Zeit

Ein weiteres Konzept ist die Bedeutung unterschiedlicher Zeitwelten, das Hall in "Dance of Life" (1983) vorstellt. Es gibt Menschen und Kulturen, die mehrere Rhythmen gleichzeitig leben, englisch polychronic. Andere leben nur in einem Rhythmus, der sich im Tempo sehr wohl ändern kann, englisch monochronic. Hall, der mit Menschen in und aus den USA, Lateinamerika, den Arabischen Länder, China, Japan und Europa geforscht hat, schreibt bestimmten Kulturen die eine oder andere Form zu.

Lateinamerikaner und Südeuropäer sind eher polychron. Ihnen sind soziale Beziehungen sehr wichtig. Ihre Kommunikation ist von einem hohen Kontext geprägt. Vieles wird nicht ausgesprochen, da es ja bekannt ist - nur nicht dem monochronen US-Amerikaner, Schweizer oder Skandinavier, der sich in eine solche Kultur begibt.

 

Wertschätzung

Um andere Kulturen zu verstehen, ist Demut und Offenheit erforderlich. In "Beyond culture" (1976) schließt Hall das letzte Kapitel mit dem Satz "The trouble I have with him is me" (Ausgabe von 1989, S. 240). Der große Nutzen, den Menschen aus dem Beobachten, sich einlassen und verstehen wollen anderer Menschen und Kulturen ziehen können, ist nach Hall: Nur so können wir unsere eigene Kultur verstehen und damit uns selbst.

Es ist wie mit der Sprache. Verstehen Sie die Grammatik und Rechtschreibregeln Ihrer Muttersprache und können Sie sie erklären? Mir fällt es deutlich leichter, wenn ich Deutsch mit Englisch oder Latein vergleiche.

Darum macht es Sinn und große Freude, bewusst Menschen, Gruppen und Organisationen (Unternehmen und andere) in alltäglichen Situationen zu beobachten und typische Grundmuster zu verstehen (Hall, S. 129 ff). Darum macht es auch Sinn, als externe Berater oder Forscher in Gruppen und Unternehmen zu gehen, solange wir uns bewusst sind, dass Demut und Offenheit dazu gehören [31. Dez 2017: Buchreihe Elche fangen ...].

Zu alltäglichen Situationen (situational frames) zählen Begrüßungen, Arbeit, Essen, Verhandeln, Kämpfen, Regieren, das Liebeswerben, die Schule, Kochen, das Servieren von Mahlzeiten und das Herumlungern (Hall, S. 129 ff). Menschen lernen in solchen Einheiten (gestalts-complete units) und entwickeln in ihren Kulturen dazu spezifische Verhaltensmuster und Sprache. Hall nennt sie situational dialects. Wenn Sie in Italien in typischen Redewendungen und mit der entsprechenden Körpersprache auf dem Markt Obst einkaufen können, dann haben Sie den Dialekt dieses situational frame erlernt und verinnerlicht.

Die Flens-Werbung zeigt, wie solche Situationen in Norddeutschland ablaufen können (https://www.youtube.com/watch?v=Vl6GHr_OMfQ). Die Friesen haben eindeutig eine High Context Culture.

 

Kontext

Kulturen mit hohem Kontext in der Kommunikation haben nach Hall auch ein polychronisches Zeit(er)leben, also Lateinamerika, Südeuropa et cetera (siehe oben). Vice versa haben monochrome Kulturen einen eher geringen Kontextgrad in ihrer Kommunikation (low context culture). Sie müssen alles aussprechen und verstehen trotzdem nicht unbedingt.

So wie ich Hall in seinen Büchern verstehe, hätte ihm die Geschichte vom Amerikaner und den Friesen in der Flens-Werbung gefallen ... "So ein Auto hatte ich auch mal."

Ich werde bei meinen nächsten Besuch im Norden darauf achten, ob die Friesen mehrere Dinge gleichzeitig machen. Auf jeden Fall legen sie hohen Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen und sind keine Sklaven von Uhren und Kalendern. Dabei sind sie gleichzeitig sehr zuverlässig. Friesland reicht von Texel in den Niederlanden bis nach Sylt. Die Siedlungsgebiete der Friesen sind also mit dem Segelboot erfahrbar.

 

Lernen

Hall lernte und lehrte sein Leben lang. Lernen ist für ihn ein Trieb, der den Menschen in seinem Überleben als Individuum, in seiner Kultur und damit auch als Spezies schützt. Als Gegenstück führt er den Sexualtrieb an, der Menschen nur in ihrem Überleben als Art schützt ("Beyond culture", Ausgabe von 1989, S. 207).

Wäre Hall aus einer anderen, nicht-westlichen Kultur, würde er vielleicht noch Kommunikation auf einer nicht-sprachlichen Ebene und Spiritualität hinzufügen. Damit wäre der Sexualtrieb auch für das Überleben des Individuums und der Kultur seiner Spezies wichtig. Das führt hier jedoch vom Thema weg. Zurück zum Lernen.

Menschen lernen wie gesagt situationsgebunden und in Einheiten. Und sie lernen am besten im Spiel und von ihren Peers, also Menschen aus ihrer Altersgruppe.

Eine Altersgruppe muss nicht ein Jahrgang sein, sondern es bedeutet, in einer Lebensphase in Bezug auf den Lernstoff zu sein. Es kann sich also Zwergschulen mit Kindern von 6 bis 14 handeln oder um Unternehmen, in denen Menschen eine neue Software oder ein neues Fachthema kennenlernen. Wichtig ist - dies betont auch Hall, dass die Lehrenden sich zurücknehmen,  als Ermöglicher begreifen und die Lernenden fordern und fördern, auch und gerade durch spielerische Aspekte im Lernen (Blog vom 23.11.2014).

Denn wer hat gesagt, dass Lernen keinen Spaß machen darf? Es muss Spaß machen, damit etwas hängen bleibt – anders ausgedrückt: Damit Menschen nachhaltig lernen können.

Es gibt noch viel mehr in den hier vorgestellten Büchern "Beyond Culture" (1976) und "Dance of Life" (1983), beispielsweise das Handeln in Aktionsketten wie das Essen oder auch - denken Sie sich ein paar Beispiele aus - und warum wir sie nicht unterbrechen sollten. Oder wie wichtig es ist, nicht nur zu trainieren, da Training die Fähigkeit zu analytischem Denken verringert, sondern es muss Zeit für Reflexion und Kreativität sein.

Ich freue mich, wenn ich Sie ein wenig neugierig auf Edward Hall's Bücher gemacht habe. Als nächste Bücher von ihm werde ich "The Silent Language" (1959) und "The Hidden Dimension" (1966) in der Buchhandlung meines Vertrauens bestellen und sie vielleicht noch vor den Gestalt-Büchern lesen (Blog vom 09.12.2015).

Christa Weßel - Donnerstag, 19. Januar 2016

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