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Was ist Lehre wert?

… aus: Aal Andere arbeiten lassen

Der heutige Blogeintrag über Passing Forward und das Feedback von zwei der Fachlektor*innen zum Kapitel "Was ist Lehre wert?" führten zur Auswahl dieses Kapitels als der Vor-Lese-Probe dieses Monats. Und es gibt eine Premiere. Während die Leseproben der vergangenen Monate aus der Version aal_v01 stammen, stelle ich heute eine Probe aus der Version 0.2 ins Netz. Danke an Euch beide, vor allem N. Diese detaillierten und reflektierten Anmerkungen nehme ich gerne auf.

Was ist Lehre wert?

Was haben Open Source, Open Access und Lehre mit dem Segler Bernard Moitessier zu tun? Eine Menge. Bernard Moitessier (1925 - 1994) ist einer der bemerkenswertesten Einhandsegler des zwanzigsten Jahrhunderts und hat Passing Forward gelebt, darüber gesprochen und darüber geschrieben (Moitessier 1971; Lerebours 2004).

 

Weiter – geben

Open access und open source sind wichtig für finanziell oder sozial schwächere Menschen, Gruppen und Staaten. Gratis-Software, der freie Zugang zu Informationen und Literatur und damit die Möglichkeit zu lernen, lehren, zu entwickeln und etwas auf die Beine zu stellen, kann Menschen freier machen. Dass auch Wohlhabende davon profitieren – na und? Es ist an ihnen, sich am Passing forward zu beteiligen. Denn auch die, die geben, haben etwas davon.


Menschen sind soziale Wesen, die Anerkennung und auch Kritik brauchen. Die Entwicklung und Pflege von Software, Wörterbüchern, Wissensdatenbanken und vielem mehr erfolgt vor allem in verteilten Teams. Wenn Menschen etwas entwickeln oder schreiben und der Öffentlichkeit zugänglich machen, sollte es, so bei den meisten der Anspruch, gut sein. Also üben sie und lernen durch das Feedback anderer.

Lehren, nur weil es schön ist?

Auch das Lehren mittels Lehraufträgen an Hochschulen ist Passing Forward, leider nicht ganz freiwillig, denn die Honorare externer Dozenten sind mit derzeit (2018) deutlich unter 50 Euro pro Unterrichtseinheit  ein Witz.


Es liegt ein Fehler im System. Die Hochschulen bauen darauf, dass externe Lehrende dies für ihre Weiterqualifizierung auf dem Weg zur Professur tun. Oder sie sind freigestellt und von ihrem Unternehmen bezahlt. Und es gibt solche, die das Unterrichten als Bereicherung für ihre andere Arbeit und als Teil ihres persönlichen Passing forward betrachten. Die DHBW hat solche Stimmen in einer Broschüre veröffentlicht (DHBW 2013). Leider berichten Studierende in jedem Jahr wieder von Lehrenden, die einfach ihr Programm mit Dutzenden von Powerpoint-Folien herunter spulen, Jahr für Jahr, und somit die Qualität der Lehre und damit auch die Reputation der andern Lehrenden schmälern.


Damit motivierte und qualifizierte Externe an Hochschulen unterrichten, muss das Honorar (honorare, lat.: ehren, achten, auszeichnen, belohnen) höher werden – deutlich.

Das Honorar muss stimmen

Die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung einschließlich der Kommunikation mit Studierenden, Kollegen und Sekretariaten für eine Lernveranstaltung hat sich bei mir im Verlauf der letzten sechzehn Jahre auf ungefähr 2,5 Zeitstunden pro Unterrichtseinheit (45 Minuten) bei neuen Lernveranstaltungen und auf ungefähr 1,5 Zeitstunden pro Unterrichtseinheit bei bereits zuvor durchgeführten Lernveranstaltungen eingependelt. Eingeschlossen darin sind Aufgabenstellung und Reviews der Leistungsnachweise mit Kommentierung und Bewertung. Ähnliches berichten mir andere Lehrbeauftragte über ihren Aufwand. Der Einfachheit halber gehe ich im Folgenden von zwei Stunden (120 Minuten) pro Unterrichtseinheit aus.


Das Gehalt eines Hochschulprofessors Honorarstufe W2 beträgt in Baden-Württemberg derzeit, im August 2018, ungefähr 74.180 Euro plus Leistungszulagen (Deutscher Hochschulverband 2018). Die jährliche Arbeitszeit in Deutschland betrug 2017 im Durchschnitt 1356 Stunden (OECD 2018). Ich gehe davon aus, dass es sich 2018 ähnlich verhalten wird. Der Einfachheit halber ergeben 74.200 Euro geteilt durch 1360 Stunden einen Stundensatz von knapp 55 Euro. Als Honorarkräfte müssen Lehrbeauftragte ihre Sozialabgaben vollständig selbst zahlen und natürlich Steuern.


Lassen Sie uns von 70 Euro brutto ausgehen. Dann ergibt sich ein Honorar von 140 Euro pro Unterrichtseinheit bei 2 Stunden Aufwand pro Unterrichtseinheit für Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Lernveranstaltung einschließlich Aufgabenstellung für die Leistungsnachweise sowie ihre Beurteilung und Bewertung.


Derzeit (übrigens unverändert seit 2010) liegt das Honorar für externe Dozenten bei 35 Euro pro Unterrichtseinheit plus Vergütungen für die Aus- und Bewertung der Leistungsnachweise. Beispielsweise sind es an der DHBW zehn Euro für die Stellung des Themas einer Seminararbeit und weitere zehn Euro für die Bewertung. Das Review einer Seminararbeit dauert zwischen zwei und vier Stunden – je schlechter die Arbeit ist, desto länger. Bei fünfzehn Studierenden und 45 Unterrichtseinheiten entspricht dies einem Stundenlohn von 21 Euro:


1575 Euro für 45 Unterrichtseinheiten (35 E / UE)
300 Euro für 15 Leistungsnachweise
1875 Euro / 90 Stunden Arbeit = 21 Euro brutto pro Stunde


105 Euro Differenz pro Unterrichtseinheit zwischen Hochschulprofessoren und externen Dozenten. Es gibt noch viel zu tun.


Presse und Internetseiten von Interessenvertretungen thematisieren dieses Problem zwar immer mal wieder, aber in den letzten acht Jahren habe ich keine Verbesserung beobachten können. Vielleicht liegt es an dem immer wieder erfolgreichen Motto: teile und herrsche. Die Gruppe der mittlerweile ungefähr 100.000 Lehrbeauftragten in Deutschland ist inhomogen. Dies spiegeln auch die oben beschriebenen Motivationen der Lehrenden wider. Wie realistisch schätzen Sie den folgenden Vorschlag ein? Der damalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hipler, meinte 2016 in einem Artikel von Anna Lena Scholz: „Wenn die Lehrbeauftragten mal alle gleichzeitig ihren Stift fallen ließen, dann würde man ganz schnell merken, wie schief das System hängt.“ Es gibt übrigens ungefähr 50.000 Professuren in Deutschland.

 

Wert_Schätzung für Lehrbeauftragte: Nutzen für alle

Wenn externe Lehrende genauso gut bezahlt werden wie festangestellte, erwarte ich, dass sich die Qualität der Lehre, die viele Studierende und auch Studiengangsleiter beklagen, verbessern wird. Wer ein paar Stunden pro Woche für 70 Euro pro tatsächlich geleisteter Arbeitsstunde unterrichtet, ist motivierter als jemand, der mit 20 Euro pro Stunde einen Teil oder sogar den überwiegenden Teil seines Unterhalts bestreitet.


Für das Hochschulmanagement ist es von Vorteil, Externe zu beauftragen. Ein Professor wird bald Beamter. Die Zusammenarbeit mit einem Externen, der in seinen Leistungen nicht gut ist oder über mehr als ein Semester nachlässt (jeder kann mal ein Tief haben), kann die Hochschule ganz einfach beenden: es gibt einfach keinen neuen Auftrag.


Auch Externe können ohne Gesichtsverlust einfach keinen neuen Auftrag mehr annehmen, falls ihnen die Arbeitsbedingungen – abgesehen vom Honorar – nicht zusagen.


Die Studierenden, um die es schließlich geht, sehen externe Lehrende als Bereicherung (DHBW 2013; Scholz 2016). Solche Aussagen fallen auch immer wieder in unseren Abschlussreflexionen (Kapitel Reflexionen). Externe kommen aus der Praxis und tragen Verantwortung für ihr Tun außerhalb des geschützten Raumes der Hochschule. „Sie sind echt.“

 

 

Gute Lehrende sind ein wichtiger Baustein für gutes Lernen. Was können Hochschulen, Lehrende und auch die Studierenden außerdem für gutes Lernen und Lehren tun? Darum geht es im folgenden Kapitel.


Christa Weßel - 23 November 2018

 

Einige Kommentare der Lektoren

 

[zum Aufwand in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von ungefähr 2,5 Zeitstunden pro Unterrichtseinheit (45 Minuten) bei neuen Lernveranstaltungen]
als ich meine Vorlesung zum WS16/17 entworfen habe, war ich eher beim Faktor 6
[das kenne ich von meiner Anfangszeit auch]


Gute Lehre hängt auch von einer entsprechenden Bezahlung ab. Das ist so - das weiß ich jetzt. Vorher war mir das gar nicht so bewusst. Vielleicht wären viele Power-Point-Vorlesungen abwechlungsreicher gestaltet, wenn die externen Dozenten eine höhere Vergütung dafür bekämen. Das Kapitel gefällt mir auch besonders gut, weil ich es durch Ihre Berechnungen sehr gut nachvollziehen konnte.


Ich denke, dass ein großes Problem in den finanziellen Möglichkeiten der Hochschulen liegt. "Bildung ist unser höchstes Gut" heißt es ja immer so schön. Aber der Staat hat kein Geld, um Hochschulen angemessen zu finanzieren. Wenn man sieht, wofür der Staat sonst das Geld ausgibt, könnte man nicht meinen, dass das Geld für die "doch so unglaublich wichtige " Bildung fehlt.

Ich bin gespannt auf das nächste Kapitel.

 

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