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Sag es Oma

Über den Aufbau einer eigenen Fachbibliothek und die Lernveranstaltungen dieses Semesters

Für Studierende und Berufstätige ist es zumeist selbstverständlich, sich nach und nach eine eigene Fachbibliothek aufzubauen. Aus "richtigen" Büchern. Dass nichts das Arbeiten mit Büchern ersetzen kann, auch keine noch so phantastische App, auch kein eBook, darüber sind sich Leser und Experten seit einiger Zeit einig. Das Rezipieren erfolgt mit Kopf, Herz und Hand.

 

Rezipieren

1. fremdes Gedanken-, Kulturgut aufnehmen, übernehmen
2. einen Text, ein Kunstwerk als Leser[in], Hörer[in] oder Betrachter[in] sinnlich erfassen
Synonyme: annehmen, aufnehmen, übernehmen, sich zu eigen machen
(Duden – https://www.duden.de/rechtschreibung/rezipieren 04.11.2018)


Das hat schon der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) gewusst. Manchmal tut es auch eine Kopie. Die Autoren und Verlage sind nicht traurig über Kopien: die VG WORT sorgt dafür, dass sie auch hierfür ein Honorar bekommen.


Allerdings gibt es eine Gruppe von Studierenden, die sich sperren, die mehr als zögern. Es handelt sich - so meine langjährige Erfahrung mit ihnen - um Studierende dualer Studiengänge. Sie kommen kaum auf die Idee, sich selbst ein Buch zu kaufen. Allenfalls leihen sie sich Bücher aus der Bibliothek oder sie erwarten, dass ihr Arbeitgeber Bücher finanziert. Das gehöre doch schließlich dazu. Neben einem monatlichen Gehalt von ungefähr tausend Euro, weiteren Zusatzleistungen und der Bereitstellung von Lernmaterial bis hin zum Kugelschreiber sei das doch wohl klar.


Und was ist, wenn der Arbeitgeber die Bücher tatsächlich nur zur Verfügung stellt? Die Studierenden diese also zurückgeben müssen? Kein Rezipieren. Kein Arbeiten mit Hirn, Herz und Hand und schon gar kein erneutes Lesen, Erarbeiten und Nachschlagen nach einigen Jahren. Schulterzucken. "Ist Ihnen dies keine Investition in Ihre berufliche Zukunft wert?" - Schulterzucken. Blick nach unten. - "Nun, … 

Sag es Oma ... Fachbücher zu Weihnachten

… wie wäre es, wenn Sie Fachbücher auf Ihre Weihnachtswunschliste setzen? Ihr Oma glaubt an Sie - oder die Eltern, Geschwister, Freunde, Tanten, Onkel. Die meisten möchten zu Weihnachten etwas schenken, dass Ihnen bleibt und nicht etwa nach zwei Jahren auf dem Elektromüll landet."


Ich bin immer wieder sehr erfreut, wenn ich auf Studierende an Fachhochschulen (jetzt einfach "Hochschulen") und Universitäten treffe. Sie verdienen sich für ihren Lebensunterhalt meist etwas durch verschiedene Jobs dazu. Dies weitet zum einen den Horizont ungemein, eher als sicher zu wissen, wann wieder drei Monate Büro im Unternehmen anstehen (Duale Studiengänge). Außerdem ist ihnen bewusst, dass zum Lernen auch das Arbeiten mit Büchern gehört. Tatsächlich: sie kaufen selbst Bücher … oder fragen Oma.


Das Thema Fachbibliothek zieht sich wie ein roter Faden durch meine Lernveranstaltungen, so auch in diesem Herbstsemester an der DHBW Mannheim. (Als externe Dozentin unterrichte ich dort in den Frühjahrs- und Herbstsemestern. Es gibt für andere Jahrgänge noch Winter- und Sommersemester.) Im Oktober gingen Wissenschaftliches Arbeiten 3 und Consulting 1 zu Ende.

 

wa3: Projektskizze Bachelorarbeit

So hieß in Wissenschaftlichem Arbeiten 3 (wa3) der Leistungsnachweis. Nach dem Warmlaufen in wa2 im Frühjahr (Blog Doppelwhopper vom 24 Apr 2018) stellten die Studierenden zunächst einmal ihre Erfahrungen mit der Projektarbeit 2 vor, die Gegenstand des Leistungsnachweises in wa2 gewesen war und was sie daraus für ihre Bachelorarbeit mitnehmen:

  • früh beginnen
  • das Thema muss klar sein - und mich interessieren
  • Wahl des wissenschaftlichen Betreuers: Ansprechen und Termine selbst in die Hand nehmen
  • Projektplan und Exposé wichtig für die Kommunikation mit Praxis- und wissenschaftlichem Betreuer
  • die 8+1 W sind ein sehr gutes Werkzeug zur Planung, Durchführung und Steuerung (Weßel 2017 BERATEN und WERKZEUGE)
  • Literaturarbeit fällt weiterhin schwer
  • Unsicherheiten bei der Methodenwahl

Also machten wir uns auf den Weg gerade die letzten zwei Punkte zu bearbeiten. Natürlich waren auch Kommunikation mit den Betreuern und anderen Stakeholder und Studiendesign Thema.


Wo standen die Studierenden nach vier Seminarnachmittagen, der Erstellung des Exposés und Projektplans zur Bachelorarbeit und acht Wochen?


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte (chinesisches Sprichwort). Also möchte ich Sie zur Betrachtung der Fotos in unserer Abschlussevaluation einladen. Die Studierenden hatten zu zweit oder zu dritt über die Fragen nachgedacht und dann auf den Flipcharts ihre Antworten notiert. Im Forum haben wir sie gemeinsam besprochen.


Auf die Forderung nach "mehr digital" habe ich übrigens auch Pestalozzi angesprochen. Und das bookbook von Ikea. So viel zum Haptischen und Gemeinsam-drauf-schauen, -malen und -benutzen.


Sechzehn der dreiunddreißig Studierenden waren die Teilnehmer an Consulting 1. Auch wenn es "nur" ein halber Tag ist: Lernen im Workshopformat (Blog Der Student kennt die Lösung vom 16 Nov 2017) ist für die Lehrenden alles andere als ein Spaziergang, auch wenn sie dem Aal-Prinzip folgen (Work in Progress). Aus den Erfahrungen des Frühjahrs (Blog Doppelwhopper vom 24 Apr 2018) hatte ich die Konsequenz gezogen, nur eine Lernveranstaltung pro Tag durchzuführen. Also konnten wir sechzehn+1 recht entspannt in die neun Nachmittage gehen.

 

Consulting 1

The winner is … Wie in den Jahren zuvor sind auch in dieser Lernveranstaltung Consulting zwei sehr gute und einige gute Seminararbeiten entstanden. Neben diesem Licht gab es auch Schatten. Die gleichen Menschen, die auch in wa3 dazu neigen, eher oberflächlich aus Quellen einzelne Passagen herauszupicken und missverstanden in ihre eigenen Arbeiten einzubauen, haben diesen Fehler auch in ihren Seminararbeiten gemacht.


"Glauben Sie mir, so etwas lässt Ihnen kein wissenschaftlicher Gutachter und hoffentlich auch kein Betreuer durchgehen. Sie sind vom Fach und bemerken Ihre Fehler. Sie beeindrucken auch keinen Dozenten, wenn Sie seine Bücher häufig zitieren. Ganz schlimm wird es, wenn Sie dabei auch noch Fehler machen."


Harter Kommentar der Dozentin, nicht wahr? Leider erscheinen ausgerechnet die, die dies angeht, nicht zum abschließenden Review und Dialog am letzten Seminartag. Das ist jedes Jahr so. Ihnen entgeht die Chance mit Dozentin und Mitlernenden in einen Dialog zu treten und Neues zu entdecken. Ein Psychologieprofessor sagte zu einem Kollegen von mir in dessen Psycholgiestudium immer mal wieder: Ja, solche Menschen gibt es.


Genau. Es gibt die nicht so sorgfältigen, die sorgfältigen und kreativen und die besonderen. Für eine dieser besonderen Arbeiten habe ich von den Autoren die Erlaubnis erhalten, sie hier via meines "Study Desk" zu veröffentlichen.

  • Langer J, Peter L. Konfliktmanagement – Die Aufspaltung einer Gruppe verhindern.  Seminararbeit im Fach Consulting: Sozial- und Methodenkompetenz. Mannheim, DHBW Mannheim – Studiengang Wirtschaftsinformatik 2018. - PDF

Auch auf Small Students' Research Projects finden Sie diese Arbeit, wie auch die anderen, die in den vergangenen Jahren hier schon zur Veröffentlichung kamen.

 

Methodensicherheit

Wie in wa3 wurde auch in Consulting 1 deutlich, wie wichtig Methodensicherheit für Lernende, Forschende und das Berufsleben ist. In einer der Seminararbeiten war es schief gegangen. Es gab Missverständnisse zur Wertschätzenden Erkundung. Also werde ich in Zukunft noch mehr Wert darauf legen, dass Lernende sich bewusst sind: Sie können jede Methode an Ihre eigenen Bedürfnisse anpassen. Sie müssen es nur benennen und nachvollziehbar begründen. Nennen Sie zum Beispiel nicht etwas Wertschätzende Erkundung, wenn Sie etwas anderes machen.


Wir haben das Interview der Wertschätzenden Erkundung (Weßel 2017 BERATEN und ENTDECKEN) wie auch in den Vorjahren zur Evaluation von Consulting 1 verwendet (zum Beispiel Blog Well-"nown" vom 28 Okt 2016). Letzte Woche wurde den Studierenden besonders deutlich, wie viel sie auf dem Weg ihrer Hochschule zu einer hervorragenden Hochschule des Lernens und Lehrens selbst schon mit einfach Mitteln tun können.


Die Studierenden werden in den nächsten Monaten während ihrer Praxisphase im Büro ihre Bachelorarbeiten anfertigen. Ich freue mich darauf, zu hören, wie es ihnen dabei ergangen ist, und auf die Fortsetzung des Lernens und Lehrens mit ihnen in Consulting 2 ab Februar 2019.


Christa Weßel - Sonntag, 4 November 2018

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