· 

Schreiben ist Lernen

… aus: Aal Andere arbeiten lassen

"Wie lange bleiben Sie diesmal?" - "Nur eine gute Woche, das Semester läuft und da hat das Schreiben Pause." - "Und wie geht es dem Buch?" - "Gut. Die Version 0.3 ist fertig. Nun geht es ans Polieren: Bilder, Abbildungen, Feinheiten in den Texten und sicher noch mal laut lesen: hören, ob der Text auch klingt."


Die Ladeninhaberin in dem kleinen Dorf an der Nordsee, vom dem schon im Januar die Rede war, nimmt lebhaften Anteil an meinem Schreiben, wenn ich wieder einmal ein paar Lebensmittel dort kaufe. "Das Semester läuft" bedeutet vor allem, dass die Studierenden, die an meinen Lernveranstaltungen teilnehmen, schreiben. Darum geht in der März-Leseprobe genau darum. Das Kapitel "Schreiben ist Lernen" umfasst die Abschnitte

  • Wie an das Schreiben herangehen?
  • Literaturarbeit
  • Die eigene Fachbibliothek
  • Der Bericht … und die TeXnik
  • Schreiben wie ein Schriftsteller

Lesen Sie im Folgenden über die ersten Schritte des Schreibens.

 

Schreiben ist Lernen

Es gibt einen wichtigen Antrieb, eine Seminararbeit, einen Projektbericht oder auch eine Thesis anzufertigen: der Schein, die Creditpoints, das Diplom, beziehungsweise der Bachelor-, Master- oder Doktorgrad. "Anzufertigen", weil das Schreiben ein Teil der Arbeit ist.

Ist da noch mehr?

Das Kompetenz-orientierte Lernen und Lehren will die Motivzahl mindestens verdoppeln: Neues lernen, Interesse an einem Thema bekommen oder vertiefen, Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln und – besonders wichtig für nachhaltiges Lernen – Freude daran, diese Arbeit allein oder mit anderen zu schreiben.


Schreiben ist ein Prozess

Eine wissenschaftliche Arbeit ist vom Tag 1 an auch Schreiben. Dies erlebe ich selbst und auch die Studierenden, mit denen ich in Seminaren zusammenarbeite, immer wieder. Wir gehen dabei ganz praktisch von einem konkreten Fall aus, mittels dessen die Studierenden in Kleingruppen ein Thema bearbeiten. Im Strategischen Management oder Consulting kann es sich beispielsweise um Strategieentwicklungen, Unternehmens- und Umfeldanalysen oder um Leadership handeln.

 

Wie an das Schreiben herangehen?

Die Studierenden stellen im Seminar alle ein bis zwei Wochen den Stand ihrer Arbeiten vor, berichten über Unklarheiten und stellen uns Fragen. Wir, die anderen Studierenden und die Dozentin, geben Rückmeldung. Zugang zu ihrer Arbeit finden sie beispielsweise für Seminararbeiten im Fach Consulting mit folgenden Fragen:


Thema und Gruppe finden
Was interessiert mich? Mit wem möchte ich arbeiten?


Fall entwickeln aus eigenen oder beobachteten Erfahrungen
Was hat mich in den vergangenen Monaten bis Jahren besonders berührt?


Fall, Problem und Dilemma und ihre Auswirkungen skizzieren
Beispielsweise mittels der 8+1 W Fragen: Wozu was wer warum für wen wie wann wo? Und Woher? (Kapitel Selbstmanagement).


Ideen zur Analyse und für mögliche Lösungen entwickeln
Wie würde ich, wie würden wir an das Problem oder das Dilemma herangehen?


Die Studierenden haben einen größeren Schatz an Erfahrungen und Wissen als sie im Allgemeinen annehmen. In ihrem Austausch, ihren Dialogen und ihrer gemeinsamen Arbeit können sie dieses implizite (verborgene) Wissen explizit machen, an den Tag bringen und weiterentwickeln – ohne zuvor Tante Wikipedia und Onkel Google zu bemühen.


Nach Aristoteles ist "Das Ganze größer als die Summe seiner Teile". Darum ist es wichtig, zunächst einmal die eigenen Erfahrungen und Ideen zu visualisieren (auf einer Tafel oder auf einem großen Blatt Papier), zu beschreiben (im Dialog – siehe Kapitel Lernveranstaltungen) und zu Papier, beziehungsweise in eine Datei zu bringen, also zu schreiben. Erst dann geht es weiter mit dem, was andere schon vor uns gedacht, gesagt und geschrieben haben.


Die Kunst liegt dann darin, sich immer wieder zu fokussieren und beim Thema zu bleiben. Eine Seminararbeit ist eine Seminararbeit ist eine Seminararbeit, frei nach Gertrude Stein's "A rose is a rose is a rose" (aus dem Gedicht "Sacred Emily" aus dem Buch Geography and Plays, zuerst erschienen 1922). Dies bedeutet, dass der Aufwand der Seminararbeit entsprechen muss. Gleiches gilt für Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten. Manchen fällt es nicht leicht, eine angemessene Tiefe zu finden. Bei den einen fehlt noch etwas, andere nehmen sich einen Umfang vor, der eher einer Dissertation entspricht. Der Austausch der Studierenden miteinander und mit dem Lehrenden im Seminar unterstützt sie darin, sich zu fokussieren.

 

Christa Weßel - Sonntag, 31 März 2019

 

Vor-Lese-Proben