Wenn wir über Macht reden ...

... müssen wir auch über Karriere, Beziehungen und Fehler reden

"Christa, kannst du mal in unserer Runde etwas zu Macht in Projekten machen?" - "Klar, ist ja einer von den Elchen und damit in Projekten immer dabei." Die Runde: Eine Gruppe von Menschen, die im Projektmanagement, in der IT und im Consulting unterwegs sind und sich einmal im Monat treffen. Interkollegialer Austausch zu einem Thema, dann Abendessen. Die- oder derjenige, der ein Thema vorbereitet, braucht eigentlich keine lange Präsentation. Nach spätestens zwei Folien geht der Dialog los. Es sei denn, jemand stellt eine neue Software vor oder ein Modell. Das geht dann fünf Folien lang gut ...

 

Die vier Elche, die Dennis Perkins in den 1980er Jahren als Metapher für die Themen Macht, Karriere, Beziehungen und Fehler beschrieben hat, eignen sich hervorragend, um einen Einstieg in diese Themen zu finden. Denn niemand redet so gerne darüber, auch wenn so ein Elch groß, stark und riechend mitten auf dem Tisch in einer wichtigen Besprechung steht. Dabei sind Elche - und damit auch diese Themen - auch schön. Sie haben auch helle Seiten:

  • Macht: ist erforderlich, um Entscheidungen durch- und Maßnahmen umzusetzen.
  • Karriere heißt Weg. Einen Berufsweg beschreiten wir alle, auf die eine oder die andere Art. Es geht darum wie wir Karriere gestalten. Für uns und für andere.
  • Beziehungen hat jeder Mensch, ebenfalls auf die eine oder andere Art. Menschen und damit Organisationen sind soziale Wesen. Es gilt also, Beziehungen zu pflegen.
  • Fehler machen wir, immer wieder. Lernen funktioniert fast nicht ohne Fehler. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.

Wir können mit diesen vier "Elchen" also auch so umgehen, dass sie uns und anderen, dem Projekt, dem Unternehmen, der Gemeinschaft und der Umwelt nutzen. Zumindest nicht schaden. Ganz im Sinne von Peter Senges product, people, planet.

 

Beim Thema Macht-Kariere-Beziehung-Fehler in Projekten geht es stets auch um den Projektleiter, das Team - und eine "große" Steuerungsgruppe, die Kunden und andere Stakeholder. Es geht um Leadership und um Kommunikation.

 

Für die Untersuchung eignet sich sehr gut die Netzwerkanalyse. Schnegg und Lang haben 2002 hierzu eine gute Einführung ins Netz gestellt. Im Seminar Sozioinformatik haben die Studierenden und ich uns damit beschäftigt und gesehen: alles andere als banal, aber mit einer Skizze zu den Beteiligten kommen wir auf jeden Fall schon mal weiter. Diesen Weg haben meine KollegInnen und ich auch vorgestern gewählt.

 

In unserer Runde am Dienstag habe ich vier Projekte vorgestellt, an denen sich diese vier Themen sehr gut untersuchen und daraus Maßnahmen zum Umgang mit ihnen ableiten lassen. Die Elch-Bücher beschreiben diese vier Projekte:


o „Der kaputte Drucker"
Einen weiteren Macht-Elch ins Rennen schicken
Buch: Elche fangen ... (2015), Kapitel 19
Blog: 08.10.2014 Elche fangen | Der kaputte Drucker


o „Im Labor“
Wege öffnen für die Karriere-Elche
Buch: Elche fangen ... (2015), Kapitel 17


o „Walk and Talk XXL“
Den Beziehungs-Elch pflegen
Buch: Elche fangen ... (2015), Kapitel 18


o „Heute schon gestört?“
Den Fehler-Elch ansprechen
Buch: Basiswissen Consulting ... (2013), Abschnitte 7.2 "Zugang finden" und 14.4 "Dilemma"
Risikomanagement ist ein zentrales Instrument im Umgang mit Fehlern. Im Oktober 2014 fand hierzu ein sehr guter Workshop in Hannover statt, auf dem unter anderem  der Organisationspsychologe Prof. Dr. Theo Wehner einen hervorragenden Vortrag gehalten hat, mehr dazu im
Blog: 20.10.2014 Elche bändigen | Sicherheitskultur im Gesundheitswesen

Am Dienstag haben wir uns für das Projekt "Heute schon gestört?" entschieden. Zunächst begannen wir mit der Netzwerkanalyse. Wir skizzierten die Beteiligten und untersuchten ihre Beziehungen zueinander. Die Frage war nicht, wie gut sie sind, sondern

  • Wer steht warum mit wem in einer Beziehung?
  • Ist die Beziehung gerichtet? Also in einer Richtung? Oder ist es eine gegenseitige Beziehung?
  • Wer redet miteinander?

In einer Netzwerkanalyse bilden die Personen die Knoten und ihre Beziehungen die Kanten. Dies lässt sich dann auch statistisch untersuchen und computergestützt visualisieren. Sie kennen dies vielleicht von der Darstellung von Blogs. Hier sind die Blogs die Knoten und die Bezüge zu anderen Blogs sind die Kanten, zum Beispiel über die Blogroll. Sie können eine Netzwerkanalyse auch mit Unternehmen oder anderen Organisationen als Knoten durchführen.

 

Wichtig ist, zentrale Knoten und schwache Knoten zu identifizieren. Zentrale Knoten haben viele Beziehungen. Schwache Knoten bilden die Brücke zwischen zwei Untergruppen. Wenn sie ausfallen, spaltet sich das Netz. Wie ein Fischernetz reißt es an seiner schwächsten Stelle. In unserer Visualisierung ist der Chefarzt der Radiologie der starke Knoten. Im der Tafelskizze ist der schwache Knoten gut erkennbar.

 

 

Was also tun in einem Projekt?


In „Heute schon gestört?“ und "Dilemma" finden der Chef der IT und einer seiner Abteilungsleiter mit der externen Coach einen Weg. Die Coach unterstützt den IT-Leiter in seiner Kommunikation mit der Steuerungsgruppe und der Krankenhausleitung. Der Abteilungsleiter führt den Veränderungsprozess.


Erste Grundlage: Wir haben keine Zeit, also nehmen wir sie uns.
Dieses Projekt war festgefahren.  Es ging um die Umstellung von Windows XP auf Windows 7 und immer wieder scheiterte es an den Einzelinteressen der zahlreichen Macht-Elche: Chefärzte, externe IT-Dienstleister, Krankenhausleitung, Pflegedirektion, technischer Dienst ...


Zweite Grundlage: Wir greifen zum Äußerten ... wir reden miteinander
Der IT-Abteilungsleiter machte sich nach einer Netzwerkanalyse, die er zusammen mit seinem IT-Chef und der Coach durchgeführt hatte, auf den Weg. Er sprach mit allen Macht-Elchen.


Ditte Grundlage: Die Innovators und die Early Adopters zu Spin-Doctors machen
Spin-Doctors haben in Organisationen formelle oder informelle Macht und treiben Veränderungen voran. Everett Rogers hat fünf Arten und ihre Verteilung identifiziert, wie Menschen Neues annehmen und Veränderungen durchführen:

  •  2,5 % innovators - Neuerer
  • 13,5 % early adopters / early followers - Frühe Folgende
  • 34,0 % early majority - Frühe Mehrheit
  • 34,0 % late majority - Späte Mehrheit
  • 16,0 % laggards - Nachzügler

Ausführlich dargestellt finden Sie dies natürlich im Buch von EM Rogers und auch im Blog vom 03.06.2017 Vom Umgang mit Neuem | Sozioinformatik Workshop 7: Digitale Geschicklichkeit, Internet of Things und die Rolle des IT-Produktmanagements im Abschnitt "DIFUSSION OF INNOVATION - Oder: Wie kommt Neues in die Welt?


Dritte Grundlage: Wir selbst entwickeln und entscheiden über die Maßnahmen
Der  IT-Abteilungsleiter führte drei plus einen Workshop durch. Arztdienst, Pflegedienst, Verwaltung / Technik. Die Aufgabe war, die Rangfolge der umzustellenden Bereiche und Systeme zu ermitteln. Dabei mussten die drei Gruppen sich jeweils auch in die Situation der anderen beiden Gruppen versetzen: Was würdet ihr in deren Lage wollen und tun? Im vierten Workshop mit Macht-Elchen aus allen drei Gruppen legten diese, moderiert von der IT-Leitung, die Reihenfolge und einen Zeitplan mit Maßnahmen fest.


Vierte Grundlage: Schwache Knoten stärken
Netze mit Knoten, die eine Brücke zwischen zwei Teilen eines Netzes bilden, müssen Sie stärken, zum Beispiel, indem Sie weitere Beziehungen zwischen den Knoten der beiden Teilnetze herstellen. Dies kann zum Beispiel durch gemeinsame Aufgaben in Projekten oder im Linienbetrieb erfolgen.

In unserem Gespräch vorgestern haben auch meine KollegInnen dieses Vorgehen entwickelt. "Was würdet ihr tun?" - "Die fragen, die wissen, was wichtig ist, die sich auskennen." - "Wie würdet ihr die Projektpläne entwickeln?" - "Zusammen mit denjenigen, die es angeht. Mit den Experten im Haus."

 

So können also Menschen, die im Projektmanagement, in der IT und im Consulting unterwegs sind, mit Elchen tanzen. Der Umgang mit Macht lässt sich über den Umgang auch mit den Themen Karriere, Beziehungen und Fehler für alle Beteiligten zu einer win-win-Situation entwickeln.

 

Christa Weßel - 06.70.2017

 

Hier erwähnte Quellen

  • Perkins DNT. Ghosts in the executive suite: Every business is a family business. Branford, CT, Syncretics Group 1988.
  • Rogers, EM. Diffusion of innovations (5th ed.). New York: Free Press 2003. (first published 1962)
  • Schnegg M, Lang H. Netzwerkanalyse - Eine praxisorientierte Einführung. METHODEN DER ETHNOGRAPHIE Heft 1. 2002. http://www.methoden-der-ethnographie.de/heft1/Netzwerkanalyse.pdf [Blog vom 24.02.2017]
  • Senge PM. The Fifth Discipline. The art and practice of the learning organization. Revised edition. London, Doubleday 2006. - (1st edition 1990). - deutsch: Senge PM. Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart, Schäffer-Poeschel 2011 [Blog vom 19.11.2011]


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