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Lernende sind Entdeckerinnen

und Entdecker

Warum und wozu lernen Menschen? Wie jedes (biologische, soziale, soziotechnische) System wollen Menschen zunächst einmal überleben. Ein weiterer, starker Antrieb ist die Neugier. Wenn Sie (kleinen) Kindern zuschauen oder Forscher, Entdecker und Abenteurer erleben oder über sie lesen, sehen Sie auch Neugier. Solange Sie als Lernende "um die nächste Ecke schauen wollen", mehr wissen möchten, mehr können möchten, werden Sie lernen. Manchmal lernen Menschen aus Verpflichtung, aus Mangel oder durch ein Unglück. Jedoch sollten diese drei nicht entscheidende Triebkräfte für das mehrjährige Projekt "Studium" sein. Ihr Projekt.

 

"Mitarbeiter" im "Unternehmen" Hochschule

Als Studierende bewegen Sie sich im "Unternehmen" Hochschule. Zum einen sind Sie die Empfänger der Dienstleistung "Lehre", zum anderen sind Sie auch der "Mitarbeiter" Lerner. Nur mit Ihrer Mitwirkung kann das Unternehmen seiner Aufgabe nachkommen. Es gibt auch profitorientierte, privatwirtschaftliche Bildungseinrichtungen. Dort zahlen Sie in der Regel dafür, dass Sie dort lernen dürfen. Ich meine hier alle Hochschulen, auch non-profit.


Ein Studium ist ein Beispiel dafür, dass Mitarbeiter nicht immer Geld als Vergütung erhalten. Ehrenamtliche Mitarbeiter in gemeinnützigen Organisationen sind ein weiteres Beispiel. Ihr Honorar ist die Möglichkeit, eigene Werte wie beispielsweise das Engagement für Umwelt und Gesellschaft verwirklichen zu können. Im Fall des Studiums besteht Ihr Honorar darin, Ihre fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen auf- und ausbauen zu können und bei einem erfolgreichen Abschluss auch Ihr akademischer Grad.


Wenn Sie einer solchen Sichtweise Raum geben können, ist der nächste Schritt einfach: Ein Studium ist ein umfassendes, komplexes, mehrjähriges Projekt, Ihr Projekt. Sie sind Projektleiter und Durchführende. Sie arbeiten mit anderen Lernenden, den Lehrenden, der Hochschuladministration und im Fall der Dualen Hochschulen mit Ihrem Unternehmen zusammen. Der Erfolg eines Projekts steht und fällt mit der Professionalität der Projektleitung und der Durchführenden. Einige der Voraussetzungen, die die Bücher BERATEN und MENSCHEN ausführlich behandeln, greife ich hier in Bezug auf das Lernen an Hochschulen heraus.

 

Professionell studieren

… soll nicht heißen, dass Sie möglichst schnell mit möglichst geringem Aufwand Ihren akademischen Grad erhalten. Dann hätten Sie nur einen kleinen Teil Ihres "Honorars" bekommen. Nur wenn Sie am Ende Ihrer Studienzeit mit oder ohne Abschluss sagen können "ich habe meine fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen auf- und ausgebaut, ich habe Wissen erlangt und weiß, wie ich in Zukunft weiter lernen kann", haben Sie Ihr Honorar erhalten.


Um Ihr Projekt Studium erfolgreich und mit Freude durchführen zu können, sind ein paar Eigenschaften hilfreich, wie Sie sie in der Regel für Führungskräfte und auch für Mitarbeiter in der einschlägigen Literatur beschrieben finden. Jim Collins nennt Demut und Entschlossenheit als Eigenschaften exzellenter Führungskräfte (Collins 2005). Engagement, Respekt, Reflexionsfähigkeit, Selbstmanagement, die Bereitschaft mit anderen zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen sowie ein guter Umgang mit sich selbst und anderen, sind ein paar weitere Kennzeichen hoher Professionalität (Senge 2006; Buch MENSCHEN).


Mit sich selbst gut umzugehen, heißt, eine gute Balance zwischen Berufs- und Privatleben herzustellen. Dazu gehört auch, auf Ihre körperliche, geistige und seelische Gesundheit zu achten. Das Studium ist Ihr Job. Er sollte nur nicht nine-to-five sein. Dazu gleich mehr.


Mit anderen gut umzugehen soll heißen, dass Sie auf die Kultur und den Kontext, in dem Sie sich bewegen, einstellen und sie respektieren. Dies zeigen Sie unter anderem durch Ihre Kleidung, Ihre Sprache, Ihre Körpersprache und Ihr Verhalten (Hall 1976 und 1983; Buch MENSCHEN). Studierende beschreiben es in ihren Portfolios ungefähr so: Die Kleidung sollte einem Casual Friday im Büro entsprechen, Slang-freie Sprache sowie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in der Erfüllung der übernommenen Aufgaben.

 

Ein Studium ist ein Studium ist ein Studium

(frei nach Gertrude Stein’s "A rose is a rose is a rose" aus dem Gedicht "Sacred Emily" aus dem Buch Geography and Plays, zuerst erschienen 1922).


Ein Lernziel eines Studiums unabhängig vom Fach ist, dass Sie gelernt haben zu lernen, dass Sie sich fremde Themen und Fachgebiete eigenständig erschließen und selbst neue, originale und originäre Arbeiten erstellen können. Eigenständig bedeutet nicht allein, wohl aber selbständig und selbstbestimmt. Lernen ist ein kreativer Prozess. Kreativität erfordert Freiraum, zeitlich, örtlich und von anderen. Dies müssen Sie selbst organisieren und damit sich selbst. Wenn Sie allerdings äußeren Einschränkungen unterliegen, wie einem nine-to-five Job als Duale Studierende oder der finanziellen Abhängigkeit von Ihren Eltern oder der Ortsgebundenheit an das Hotel Mama, wird es schwierig, aber nicht unmöglich.


Studieren ist eine große Chance, selbstbestimmt zu leben, sich auszuprobieren und Neues zu entdecken – auch im Bologna-Prozess. Die Umstellung der Studiengänge Anfang dieses Jahrtausends in Europa auf Bachelor und Master war vor allem dazu gedacht, Studierenden den nationalen und internalen Wechsel zu ermöglichen (EHEA 2018). Sie können Ihr Studium über die Mindeststudienzeit hinaus ausdehnen. Sie können eine eigene Unterkunft finden, die Jobs machen, auf die Sie zu dieser Zeit Lust haben, die Fächer belegen, die Sie neben Ihrem Studienprogramm außerdem interessieren, ins Ausland gehen – wenn Sie es wirklich wollen.


In Gesprächen mit Studierenden und jungen Absolventen höre ich als Lehrende und als Coach immer wieder die Worte "fest" und "sicher". Festanstellung, festes Honorar, sicheres Einkommen, sicherer Arbeitsplatz. Auch finanzielle Verpflichtungen wie Autos oder andere Konsumgüter sind ein Thema.


Mit Anfang bis Mitte zwanzig? Ich möchte Sie ermutigen, sich von diesen Fesseln zu befreien. Sie sind oder werden Fachkräfte. Sie werden immer einen Job finden, um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie können Ihr Studium und damit Ihr Leben so gestalten, wie Sie es möchten.


Vikram Seth hat dies in seinem Buch Two Lives mäandern genannt (meandering). Zeit, Schleifen zu ziehen. Die Freiheit, selbst über sein Studium und damit über sein Leben in dieser Zeit zu bestimmen.


Christa Weßel - Samstag, 28. Juli 2018

 

Vor-Lese-Proben zum neuen Buch

PS 29.07.2018: Dies ist ein Abschnitt aus dem work in progress Buch "… Lernen und Lehren an Hochschulen …" Die Kommentare zweier Leser ermutigen mich, weiter Abschnitte zum Vor-Lesen im Blog aufzunehmen: "Der Eintrag "Lernende sind Entdecker" gefällt mir besonders gut. Sehr Philosophisch und bestärkend für Jemanden wie mich, der vermutlich an einer Weggabelung steht." (Masterstudentin in spe) und "So etwas hätte ich zu Beginn meines Studiums auch gebrauchen können." (IT-ler mit einem Psychologiestudium). Ich freue mich auf Ihre Eindrücke und Ideen.

Quellen

Blogrubrik Schreiben & Publizieren


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