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Impfen gehen

… vom Umgang mit Zahlen, AHA-L und dem Impfen in einer Pandemie

Ja, doch, auch mir begegnen sie: Pandemie-Zweifler, Ignoranten und Gleichgültige. Oftmals habe ich den Eindruck, sie wissen einfach nicht genug darüber. Vielleicht sind ja die folgenden Zeilen nützlich.

 

Vor gut hundert Jahren erkrankte ein Drittel der Weltbevölkerung an der Spanischen Grippe, einer Virusinfektion. Jede/r fünfte bis zehnte starb. Was sagt uns das für die derzeitige COVID-19-Pandemie?

 

 

Infektionskrankheiten, Pandemien und der Umgang mit Zahlen

SARS-CoV-2, COVID-19, Corona ist ein hochansteckendes Virus.

Es ist ist weltweit verbreitet. Wir stecken in einer Pandemie.

Bereits seit achtzehn Monaten und es wird noch einige Zeit dauern.

Ich gehe von weiteren zwei Jahren aus, ungefähr.

 

Die Infektionsrate ist höher als die Erkrankungsrate.

Die Erkrankungsrate ist höher als Todesfallrate.

 

Wir haben es bei allen dreien mit Dunkelziffern zu tun. Die Zahl der Infektionen ist höher als tatsächlich feststellbar. Die Zahl der Erkrankungen ebenso. Und bei den Todesfällen ist unsicher, welcher Sterbefall tatsächlich und korrekt als Ursache einer bestimmten Infektionskrankheit zugeordnet wird.

 

Kurz gesagt: Der Umgang mit epidemiologischen Zahlen zu einer Infektionskrankheit ist komplex. Trotzdem wissen wir relativ viel und dank hochwertiger wissenschaftlicher Artikel und der guten Aufbereitung zum Beispiel in der englischen Wikipedia, auch in der deutschen und bei Institutionen wie dem RKI, der WHO, der JHU und dem ECDC sind sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

 

Die Kranken und die Toten

Für COVID-19 zeichnet sich ein Fall-Verstorbenen-Anteil (case fatality rate, CFR), umgangssprachlich "Fallsterblichkeit" von ungefähr 2,5 % ab. Fall-Verstorbenen-Anteil bedeutet: Zahl der Personen, die an einer bestimmten Erkrankung versterben, bezogen auf die Gesamtzahl der Personen mit dieser Erkrankung in einem bestimmten Zeitraum. (Letalität und Mortalität sind noch mal etwas anders, dazu sei hier auf Fachliteratur und zum Einstieg auf die englische und deutsche Wikipedia verwiesen.)

 

Zum Vergleich: für eine klassische Influenza ("echte Grippe") ist die CFR 0,1 %. Für die "Vogelgrippe" (Influenza A virus subtype H5N1) 60 %, für die "Spanische Grippe" (1918/1919) - je nach Quelle - 2,5 % bis 10 %.

 

Und hier wird es spannend. 1918 lebten ungefähr 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Wahrscheinlich ungefähr 500 Millionen Menschen erkrankten und ungefähr 50 Millionen, eventuell sogar 100 Millionen Menschen starben an einer Infektion mit der "Spanischen Grippe". Jede/r zehnte, vielleicht sogar jede/r fünfte. Vor allem die Erwachsenen. Kinder und Alte waren weniger schwer betroffen. Ein Drittel, 33 %, der Weltbevölkerung war infiziert. 2,7 bis 5,4 % der Weltbevölkerung sind verstorben.

 

Mit COVID-19 sieht es etwas anders aus. Die Weltbevölkerung hat sich mit ungefähr 7,85 Milliarden mehr als vervierfacht. Derzeit summiert sich die Zahl der festgestellten Infektionen weltweit auf ungefähr 187 Millionen,  ungefähr vier Millionen Menschen sind bislang verstorben. Bislang sind also ungefähr 2,4 % der Weltbevölkerung als COVID-19-Infektionen diagnostiziert und 0,05 % verstorben. (Denken Sie an die Dunkelziffern!)

 

Zahlen, Erfahrungen und Studien der vergangenen achtzehn Monate geben starke Hinweise darauf, dass die Einhaltung von AHA-L das Infektionsrisiko senkt. COVID-19 ist eine hochinfektiöse, also sehr leicht übertragbare Erkrankung. Ohne AHA-L und Kontakteinschränkungen wären wir vielleicht nicht ganz im Jahr 1918, aber vielleicht auch nicht sehr weit davon entfernt. Und dann reden wir über erheblich mehr als vier Millionen Tote. Und über erheblich mehr als zweihundert Millionen Fälle. 

 

Menschliches Leid

Die Kranken und die Toten sind menschliches Leid. Außerdem kommt hinzu - auch wiederum mit Auswirkungen auf Menschen - dass eine Belastung von Gesundheitssystemen, vielleicht sogar Überlastung, erhebliche wirtschaftliche Folgen hat. Die, die zuerst leiden, sind die Armen, Alten, Kranken und vor allem: Kinder.

 

In den Lockdowns gab es physische Distanz und Isolation, die zu seelischem und auch körperlichen Leiden bei vielen Menschen geführt haben. Auch zu wirtschaftlichen Verlusten und einige, gerade "kleinere" auch die wirtschaftliche Existenz gekostet hat. Ich bin nicht mit allen Entscheidungen und Handlungen der Politiker und Institutionen seit Beginn der Pandemie einverstanden. Trotzdem bin ich davon überzeugt: ohne Maßnahmen wäre es schlimmer gekommen. 

 

Und es ist genial, dass es nach nur etwas mehr als einem Jahr Impfstoffe gibt. Das gab es zuvor noch nicht in dieser Geschwindigkeit mit der Bereitschaft zur Kooperation und Transparenz vor allem unter den Wissenschaftlern und Instituten, aber auch bei den Firmen (ja, ich weiß, dort war und ist nicht alles super).

 

Darum an die Pandemie-Zweifler: 

Eine Infektionskrankheit ist eine Infektionskrankheit ist eine Infektionskrankheit.

 

[Mi, 14 Jul 2021]

(frei nach Gertrude Stein's "A rose is a rose is a rose", aus dem Gedicht "Sacred Emily" aus dem Buch Geography and Plays, zuerst erschienen 1922)

 

Jede/r leistet einen Beitrag

Im guten wie im schlechten. Sie haben die Wahl.

 

Ob alle Maßnahmen in der bislang ergriffenen Form und Umfang (zögernder oder starker oder inkonsequenter Lockdown) sinnvoll und erforderlich waren, kann sicher bezweifelt werden. Mich stören vor allem Inkonsequenz in Lockdown-Vorschriften und organisatorische Schwächen, zum Beispiel im Management und Durchführen von Impfprogammen. Zügig und unbürokratisch sind hier die Zauberworte, die sich leider noch nicht in allen Amtstuben herumgesprochen haben. 

 

Vor allem bin ich immer wieder - gelinde gesagt - überrascht über das Verhalten einzelner Menschen und ihre Ignoranz. AHA-L, wozu? Und Menschen, die meinen: Impfen, brauch ich nicht, die anderen sind ja geimpft. Oder: Och, die zweite Impfung, wozu? Oder: Wird auch so besser. 

 

AHA-L (28 Okt 2020 Schnupfenzeit) plus eine hohe Durchimpfungsrate von am besten noch mehr als achtzig Prozent der Menschen älter als zwölf Jahre machen Schließungen von Kultur, Schulen, Hochschulen, Geschäften und Büros endlich überflüssig. Dann können wir uns auch entspannen. 

 

Eines noch: COVID-19 geht es besonders gut bei winterlichen Bedingungen. Der nächste Herbst und Winter kommen. Genießen Sie den Sommer, denken Sie an AHA und viel frische Luft, am besten draußen in eigener Person, und hoffentlich haben oder hatten Sie bereits Gelegenheit zur Impfung (zweimal bei den meisten Impfstoffen) und haben oder werden diese auch nutzen. Sprich: impfen gehen. 

 

Christa Weßel - Dienstag, 13 Jul 2021

 

Lesestoff

  • Stein G. Geography and Plays. The Four Seas Company, Boston. Introduction by Sherwood Anderson; Something Else Press, New York 1968. ("Rose is a rose is a rose is a rose" is a line in the poem "Sacred Emily", 1922) [Quelle hinzugefügt am Mi, 14 Jul 2021]

 

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