Marathon

Mit der Pandemie leben nicht gegen sie

Bergsteiger, Langstreckenschwimmer, Seeleute, Landwirte und viele andere Menschen wissen, dass sie nicht gegen das Wetter und äußere Bedingungen leben können. Sie müssen mit ihnen leben, sich darauf einstellen, ihre Vorhaben gut vorbereiten und durchführen. Jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr. Dann ist es nicht nur erfolgreich - Rückschläge gibt es immer wieder - es macht auch Spaß.

 

Die COVID-19-Pandemie ist keine Krise, kein Ereignis, das nach einigen Monaten vorbei ist und dann ist alles "wie vorher". "Nichts ist mehr wie es war" (blog 22 Dez 2020). Auch wenn wir mit Impfungen beginnen können, wird es Monate und vielleicht länger dauern, bis so viele Menschen geimpft sind, dass wir von einer Bewältigung sprechen können. Wir kämpfen immer noch gegen Masern und andere Infektionskrankheiten, für die es erprobte Impfungen gibt.

 

In der Legende heißt es, dass der Bote, der nach einer Schlacht von Marathon nach Athen gelaufen ist, bei seiner Ankunft tot zusammenbrach. Im modernen Marathonlauf mit einer Strecke von 42,195 km geht es darum, die Kräfte gut einzuteilen. Eher ein gleichmäßiges Tempo einzuhalten als zu Beginn einen Sprint zu machen. 

 

Wenn wir von einer mehrjährigen Dauer der Pandemie ausgehen, beispielsweise drei oder vier Jahre, so sind wir derzeit bei Kilometer zehn, beziehungsweise dreizehn. Der Sprint im Verlauf des ersten Jahres 2020 hat viel Kraft gekostet. Es ist nachvollziehbar: es ist unser erster weltweiter Marathon.  

 

Viele Menschen verlieren durch die Pandemie ihr Leben, andere ihre Gesundheit und viele ihre wirtschaftliche Existenz. Maßnahmen, die aus einer Panik heraus entstehen, wie das Schließen von Grenzen, führen nicht langfristig weiter. 

 

Es geht darum, uns umzustellen

Was ist also zu tun? AHA-L, AHA-L, AHA-L, … und unser Leben so gestalten, dass wir Lebensfreude, Gesundheit, Selbstbestimmung und ein Auskommen haben können. Damit Menschen in Würde leben können.

 

Mit Erschrecken beobachte ich, wie Menschen die Basisregeln verachten. Masken gerne unter der Nase tragen oder gar nicht. Silvester, natürlich im Pulk. 

 

Wie können wir Menschen zur Einsicht bewegen?

Es braucht "Licht am Ende des Tunnels". Der erste Schritt ist, sich nicht etwas vorzumachen, sondern auf einen Marathon einzustellen. Der zweite Schritt ist, sich und andere immer wieder daran zu erinnern, zum Weitermachen anzuspornen und neue Lebensstile zu entwickeln. 

 

Wir können miteinander leben ohne zu "kuscheln". Besprechungen als Autokino mit Popkorn und Bratwurst statt Konferenzen mit Buffet (Büfett), wie eine Führungskraft kürzlich erzählte: "Es ist wichtig, dass die Menschen sehen, dass sie zusammenkommen können - auch auf Distanz."

 

Es geht um _körperliche_ Distanz, _nicht_ um soziale. Masken sind keine Last oder gesundheitsschädlich. Sie können schick und modisch sein (blog 06 Nov 2020 corona catwalk).

 

Eine Geschichte aus der Kinderchirurgie

Ein Krankenpfleger hatte mich wochenlang nur im OP gesehen. Mit Maske. Also konzentrierte er sich auf meine Augen, meine Stimme und meine Körpersprache. Eines Tages traf er mich in der Notaufnahme. Ohne Maske. Und schreckte zurück. Das war ihm sofort peinlich. "Entschuldigung, ich habe mich dir ganz anders vorgestellt." Ich musste lachen und meinte: "Das spricht für Augen und Stimme. Schon okay." In einem gemeinsamen Dienst ein paar Wochen später meinte er beim morgendlichen Kaffee nach einer Operation, es war ungefähr vier Uhr: "Ich glaube, ich habe dich gesehen, als du gerade zwanzig Stunden hinter dir hattest." - "Vierundzwanzig. Es war Morgen, nach einem Dienst ohne Schlaf." Wir grinsten beide.

 

Von anderen Kulturen lernen

Die Kinderchirurgische Klinik war in Berlin-Wedding. 1990er Jahre. Wir scherzten gerne: ohne die Familien aus anderen Ländern wären wir arbeitslos. Und es gab so viele schön gekleidete Menschen, Frauen und Männer, die ihr Gesicht zum Teil verhüllt hatten, und mit denen es eine Freude war, zu kommunizieren. 

 

Ein Mann war eines Nachts in der Notaufnahme sehr erstaunt, als ich mich von seinem sechsjährigen Sohn und von seiner Frau jeweils mit einer Umarmung verabschiedete. Von ihm verabschiedete ich mich einer Neigung meines Kopfes und legte meine rechte Hand auf mein Herz. Er und ich hatten in der gemeinsamen Stunde zwei Meter Abstand gewahrt. "Das ist gut. Sie sind einer der wenigen Menschen hier in Deutschland, der mich so begrüßt oder verabschiedet. Warum machen Sie das?" - "Ihre Kleidung drückt Ihre Kultur aus und ich weiß, dass hier Abstand zwischen Männern und Frauen wichtig ist."

 

Kulturwandel: Kreativität blühen lassen

Besonders kreativ sind Kinder und Künstler. Fragen wir sie, wie sie mit Dauer-Distanz und Masken und frischer Luft umgehen wollen. Welche Ideen sie haben. Was wir alles draußen machen können. Wie wir wieder in Museen, Schwimmbäder und Sportstadien gehen können, ohne zu "kuscheln". Wie wir Konzerte besuchen und selbst Musik und Theater machen, Bilder malen und Skulpturen und anderes bauen können. Ganz analog, also in persönlichen Begegnungen. Ohne digitale Hilfsmittel. Denn das sind Zoom & Co. Hilfsmittel. Sie können die persönliche Begegnung von Menschen nicht ersetzen. Nur ergänzen.

 

Wirtschaftlich neue Wege gehen

Dunkle Prognosen nehmen an, dass vor allem große Konzerne überleben werden und kleine und mittlere Betriebe aussterben. Nun, das liegt an uns selbst. Bücher und anderes auf der "großen Plattform" bestellen oder doch Kontakt zu den Läden und Handwerksbetrieben vor Ort aufbauen und digital (auch das Telefon ist mittlerweile digital) verabreden, wie Sie zusammenarbeiten können. Denn es ist Zusammenarbeit: Der Kauf eines Buches, eines technischen Gerätes, eines Kleidungs- oder Möbelstücks: bestellen, dann die Lieferung oder das Abholen. Ähnlich ist es mit der Zusammenarbeit mit Handwerkern, Künstlern und vielen anderen.

 

Auch in den Unternehmen können wir mischen: Home Office _und_ Autokino. Es kann auch eine Besprechung in großen Büroräumen oder an der frischen Luft sein.

 

Noch etwas ist möglich: selbst sind Frau, Mann, divers, Kind, Jugendliche. Kochen, bauen, Musik machen, reparieren, renovieren, einen Nachbarschaftsgarten pflegen, … Bei einigen Tätigkeiten ist so viel Staubentwicklung, da bekommt eine Maske noch einen ganz anderen Aspekt.

 

noch einmal: Seeleute

Ein - auch wirtschaftlich bedeutendes - Sportereignis findet in diesen Wochen trotz Pandemie statt: die Vendée Globe: https://www.vendeeglobe.org/en (blog 22 Feb 2017 Methodenkiste). Boris Herrmann, geboren 1981 in Oldenburg, ist derzeit auf dem siebten Platz mit guter Stimmung kurz vor Kap Hoorn unterwegs. Als erster hat Yannick Bestaven Kap Hoorn heute um 13:42 UTC passiert (universal time coordinated, englisch: Coordinated Universal Time, französisch: Temps Universel Coordonné, unsere Winterzeit minus eine Stunde). 

 

Diese Einhand-Segelregatta erfordert natürlich auch persönliche Begegnungen: vor, nach und auch während der Regatta. Die Seglerinnen und Segler sind allein auf ihren Segelyachten. Eine Hand zum Sichern am Boot, eine Hand für das Segeln und Reparieren: Einhand. Teams an Land unterstützen sie.

 

Ein ebenso gutes Zusammen-mit-anderen wünsche ich Ihnen und den Kindern - privat, in der Schule, in der Arbeit - und Ausdauer, Kreativität und Lebensfreude auf diesem Pandemie-Marathon. 

 

Christa Weßel - Samstag, 02 Jan 2021

 

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