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Schön schreiben

… Das Wechselspiel von Layout, Buchsatz, Buchdruck und Texten

Seit etwas mehr als zwei Monaten ruht das Manuskript des Buches Refugium (blog 25 Mar 2021). Der Sommer schritt sowohl für die Autorin als auch die Testleser mit anderen Verpflichtungen und Arbeiten voran. Im Fall der Autorin war es unter anderem der Artikel Social Informatics Experience (blog 01 Aug 2021). 

 

Die Arbeit an diesem Artikel zeigte wieder, wie wichtig für mich im Verlauf des Entstehen eines Textes oder gar eines ganzen Buches der stete Wechsel zwischen dem Schreiben und dem Aussehen des Textes ist. Damit ist gemeint: Wie wirkt dieser Text als Buch oder auf einer Website, beispielsweise als Blogeintrag?

 

Ästhetik

Buchmanuskripte fertige ich mit TeX, beziehungsweise LaTeX an. 

 

Donald Knuth (geb. 1938) hat in den 1970er Jahren mit der Entwicklung von TeX Kunst und Schönheit in das Programmieren und das Schreiben gebracht (Knuth 1968 ff). TeX ist ein Programm, das Inhalt und Form trennt. Erst durch die Kompilierung, also das Umwandeln des Textes aus einem Editor in ein Dokument, entsteht der "Druck". Das Resultat: druckreif gesetzte Texte, die Möglichkeit mathematische Formeln und vieles mehr im Text mühelos zu platzieren und gut aussehen zu lassen.

Leslie Lamport (geb. 1941) entwickelte Anfang der 1980er Jahre ein Softwarepaket, das die Nutzung von TeX mit Hilfe von Makros noch schöner macht. Es trägt den Namen LaTeX, Lamport TeX. Zahlreiche Entwickler führen die Arbeit von Lamport fort. TeX und LateX sind frei zugänglich.

[...]

Der Wechsel zwischen der Arbeit am Inhalt und der Prüfung des Textes im kompilierten PDF ist meiner Erfahrung nach sehr förderlich für die Kreativität. Es treten neue Ideen auf. Ich kann unmittelbar erkennen, ob die Kapitel den Spannungs- und Verlaufbogen zeigen, den ich beabsichtige. Und während der Erstellung des Index werden Fehler und Unklarheiten deutlich.

(aus dem Manuskript "Refugium", v 0.2, S. 44-46, Weßel 2021)

 

In welch guter Gesellschaft ich mich damit befand, wusste ich nicht, als ich diese Zeilen während der ersten Monate dieses Jahres schrieb. 

 

Virginia und Leornard Woolf

Virginia Woolf gründete mit ihrem Mann Leonard 1917 in London den Verlag Hogarth Press. Sie schrieben, entwarfen, setzten, druckten und banden die ersten Bücher selbst. Stets haben sie hohen Wert auf die Qualität des Papiers, der Bindung und insbesondere der Gestaltung des Einbandes gelegt: "It is specially good at printing pictures, and we see that we must make a practice of always having pictures." (Letter 844: To Dora Carrington [13 July 1917] in Woolf 2018). 

 

Leonard Woolf soll auch betont haben, wie wichtig die handwerkliche Arbeit an und mit den Büchern für Virginia Woolfs Leben gewesen sei (Bollmann, 2013, S. 299). Es gibt weitere Aspekte im Leben von Virginia Woolf, die mich berühren und ermutigen - neben ihren Büchern und Texten. Die Freiheit des Schreibens, weil sie im eigenen Verlag publiziert: 

 

A Writer's Diary (1953)

1925

[...]

Tuesday, September 22nd

[...] Yet I’m the only woman in England free to write what I like. The others must be thinking of series and editors. 

(Woolf 2018)

 

Die ersten Jahre von Hogarth Press, in der sie und Leonard Woolf neben der hohen Qualität der Buchproduktion darauf achten, den Verlag mit möglichst niedrigen allgemeinem Kosten zu betreiben. Und ihr berühmter Satz aus "Ein eigenes Zimmer"

 

A Room of One's Own (1929)

[...] a woman must have money and a room of her own if she is to write fiction, [...]

(Woolf 2018)

 

Und Zeit. Virginia Woolf soll auch gesagt haben, dass sie so viel schreiben konnte, weil sie jeden Tag drei Stunden ungestört war. Leonard habe ihr dies ermöglicht. (Leider finde ich diese Stelle in den 1250 Seiten, die die Gesamtausgabe als Print haben soll, im Moment nicht im ePUB, aber diesen Satz habe ich schon des Öfteren im Büchern über Virginia Woolf gelesen.) Stimmt. Drei Stunden. 

 

Die Schönheit eines Textes im Web

Den Artikel Social Informatics Experience musste ich als Word-Datei bei der Zeitschrift einreichen. In einem Textverarbeitungsprogramm zu schreiben, fällt mir schwer. Also habe ich mich gefragt: Wie kann ich wechseln zwischen dem Schreiben und dem Ansehen und Lesen des in schöner Art präsentierten Textes? Blog? Website? Genau. Entspannt im Blog-Layout schreiben, verschieben, hinzufügen, herausnehmen und scrollen. 

 

Ein weiterer Vorteil war, dass die Testleser auf einer Passwort geschützten Seite direkten Zugang zum Artikel in seiner jeweilen Version erhielten und im "gedruckten" PDF kommentieren und mir dieses wiederum zukommen lassen konnten. Auch bei den Manuskripten der Bücher arbeiten die Testleser und ich mit den aus TeX kompilierten PDF. Mit der Formatierung in Word musste ich mich nur einmal beschäftigen: Ein paar Stunden vor der Einreichung übertrug ich den Text in eine Word-Datei.

 

 

Und wie bekomme ich diese Geschichte über das "schöne Schreiben" in drei Sätzen in die entsprechenden Kapitel der Version 0.3 von "Refugium"? Mal sehen.

 

Christa Weßel - Mittwoch, 11 Aug 2021

 

Lesestoff

  • Bollmann S. Frauen und Bücher. München, Deutsche Verlags-Anstalt 2013.
  • Moos R. Eine Druckerei finden. Warum in die Ferne schweifen? Blog 26 Sep 2017.
  • Weßel C. Ein weiteres Buch: Refugium (Kurzbeschreibung & Inhalt). Blog 25 Mar 2021
  • Woolf V. The Complete Works. MyBooks Classics 2018.

[ps 12 Aug 2021] Ein Buch, über Frauen, die Bücher schreiben, machen und verbreiten. Sie tun es seit mehr als dreihundert Jahren. Das Buch erzählt von Menschen, Verlagen, der Buchproduktion und Netzwerken. Ein Buch über die Geschichte des deutschen Buchhandels und der Menschen darin, Frauen und Männer. Lesenswert. 

  • Ziegler E. Buchfrauen: Frauen in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Göttingen, Wallstein Verlag 2014.

Work in progress: Refugium 

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