Lehren lernen

Wie aus Praktikern gute Dozenten werden ... können

Es ist das Eine zu lehren, dazu hier im Blog zu reflektieren und sich beim Mittagessen mit Kollegen auszutauschen. Rund wird es erst durch regelmäßige Fortbildungen. Ein Tag mit einem guten Dozenten und engagierten Kolleginnen und Kollegen bietet Stoff wie so manch andere Woche. Worum ging es diesmal?

 

Nach dem ersten Workshop im Februar 2012 für externe Lehrbeauftragte vom Zentrum für Hochschuldidaktik der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (ZHP) hatte ich zu Lernzielen und Projekt- und Problem-basiertem Lernen (PBL) berichtet, und das Continued Multidisciplinary Project-Based Learning (CM-PBL) vorgestellt, das ich mit einem Kollegen und Studierenden an der RWTH Aachen entwickelt hatte.

 

Externe Lehrbeauftragte an Hochschulen sind zumeist Praktiker, deren „Broterwerb“ in Unternehmen oder als Selbständige stattfindet. Sie kommen aus Ökonomie, Ingenieursberufen, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften.

 

Aus dem Workshop am letzten Donnerstag möchte ich vier Themen an dieser Stelle reflektieren und weiter vertiefen: Lernen und Lehren in Großen Gruppen (*); Blended Learning; das umgedrehte Klassenzimmer; Strukturierung von Lernveranstaltungen (**); Intervision.
Die Schreibweise ist Absicht: 
(*) Große Gruppen als Eigenname.
(**) Nicht die Lehrenden sondern die Lernenden, die Studierenden stehen im Mittelpunkt.

 

Die Universität Aarhus hat dazu einen Film gemacht, der es auf dem Punkt bringt: "Teaching Teaching & Learning Learning".  John Biggs beantwortet die Frage, wie Lehrende Lernende aktivieren können mit "Constructive Alignement". Es gilt Lernziele, Lernerfolg und Lernmethoden aufeinander abzustimmen.
o Lernziele lassen sich mit Bloom's Taxonomy entwickeln (Blog vom 12.02.2012)
o Lernerfolg wird anhand von Leistungsnachweisen, also Prüfungen ermittelt, diese müssen zu den Lernzielen passen. Wenn ich zum Beispiel wissen möchte, ob die Lernenden analysieren können, kann es nicht nur um die Abfrage von auswendig Gelerntem gehen, sondern es müssen Analyseaufgaben enthalten sein (Blog vom 23.06.2012). 
o Lernmethoden müssen solcher Art sein, dass die Lernveranstaltung kein Kino wird, sonder die Lernenden selbst aktiv werden. Um solche Lernmethoden geht es im Folgenden.

 

Lernen und Lehren in Großen Gruppen
Große Lerngruppen beginnen ab ungefähr zwanzig Teilnehmern. In der Moderation spricht man bereits bei mehr als zwölf Teilnehmern von Großen Gruppen (Kapitel 15, Buch "Basiswissen Consulting"). Lernen in Großen Gruppen ist an Universitäten, an Hochschulen und in Fort- und Weiterbildung keine Seltenheit. Es gibt sehr schöne Techniken zum Umgang damit.

CAT: Classroom Assessment Techniques
Der Dozent richtet an Einzelne, Paare oder an Murmelgruppen offene oder geschlossene (Ja/Nein) Fragen. Diese Frage stellt er nach zehn, zwanzig oder dreißig Minuten, je nachdem wie lang der letzte Block war. Einzelne antworten ins Forum. Paare und Murmelgruppen unterhalten sich ein bis zwei Minuten über die Frage, zum Beispiel über

o "Muddiest Point": was war in den letzten <x> Minuten der hakeligste Punkt?
o "One Sentence Summary": Formulieren Sie einen Lernslogan.
o "Core messages": Formulieren Sie drei Kernaussagen der letzten <x> Minuten?
o "1-Minute-Paper": Schreiben Sie innerhalb von einer Minute positive und negative Lernerfahrungen der letzten <x> Minuten auf.

 

Lernstopp
Der Dozent und die Lernenden machen drei Minuten Pause, ohne ihre Plätze zu verlassen.

Wachsende Gruppe
Dies wird auch "Snow balling" oder Pyramide genannt.
Ziel ist die Verdichtung des Lernstoffes einer vorhergehenden Lerneinheit.
Der Dozent bittet die Lernenden wichtige Punkte dazu zu formulieren
1. Je zwei Lernende formulieren je drei Punkte - 1 Minute
2. Je zwei Paare [(2+2) Lernende] einigen sich auf vier dieser sechs Punkte - 3 Minuten
3. Je zwei Gruppen [(2+2)+(2+2) Lernende] einigen sich auf fünf dieser acht Punkte - 4 Minuten
...
Zur Vergemeinschaftung protokollieren der Dozent oder ein Lernender die fünf oder mehr Punkte auf einer Tafel oder einem Flipchart.

 

Lernen durch Lehren
In sich über mehrere Tage oder Wochen erstreckenden Seminaren losen oder wählen die Lernenden am ersten Tag für jeden folgenden Tag zwei bis drei Lernende aus, die jeweils zu Beginn des folgenden Tages den Lernstoff des letzten Tages wieder geben. Sie dürfen alles nutzen außer Powerpoint. Die Kreativität der Lernenden ist extrem hoch. Ich habe schon Umfragen, Quiz, darin auch Jeopardy, Kreuzworträtsel und Arbeiten im Raum erlebt. So lerne ich von Lernenden Lernmethoden in Großen Gruppen.

 

Lebende Statistik
Schätzungen sind eine solide Methode um ein erstes Bild zu einer Frage zu bekommen (Mehr dazu in der Toolbox, Abschnitt 19.29 im Buch "Basiswissen Consulting"). 
Wenn Sie diese Schätzungen als Arbeit im Raum durchführen, wird es im wahrsten Sinn des Wortes ein Bild. So können Sie die Lernenden fragen, wie sie ihre Vorkenntnisse zu einem Thema einschätzen: Novize, so lala oder "Schwarzer Gürtel" und sie bitten, sich entlang einer gedachten Linie aufzustellen.

Oder Sie können sie nach ihren Motivationen fragen und die Antworten vier Ecken eines auf dem Boden gedachten Quadrates oder Rechteckes bilden lassen: Spaß, Zeit verbringen, Neues lernen, Zertifikat/Schein/Punkte erwerben. Aufstellungen dazwischen sind möglich, zum Beispiel zwischen Neues lernen und Spaß oder auch zwischen drei oder vier Punkten innerhalb des Vierecks.

 

Namensschilder
Können sehr hilfreich für die persönliche Ansprache sein. Ich mache es nicht immer.

 

Individualisieren
Dies ist insbesondere für Lernveranstaltungen, die sich über ein oder mehrere Monate ziehen und für ganze Studiengänge geeignet. Die Lernenden werden in ihrem Selbstmanagement und -Lernen unterstützt.

 

o Lerntagebücher
Drei Punkte sollen die Lernenden täglich beantworten:
Dies wurde mir heute klar.
Dies blieb mir unklar.
Daran will ich arbeiten.
Außerdem können und sollten die Lernenden ihren Lernprozess auch emotional reflektieren:
Was ist gut gelaufen, und warum?
Was ist nicht so gut gelaufen, und warum?
Wie geht es mir mit beidem?
Wie will ich damit umgehen?
Die Lerntagebücher können Teil eines Lernportfolios bilden.

 

o Portfolio
Portefeuille (frz. Brieftasche, Aktenmappe) bedeutet in der Sprache der Ökonomen unter anderem Wertpapierbestand. In der Sprache des Lernens setzt sich ein Portfolio des Lernenden aus seinem oder ihrem persönlichen Lernstoff zusammen. Dazu zählen Lerntagebuch, Dokumente, Aufgaben und Protokolle.
Lernende sollten und müssen in manchen Lernveranstaltung ihren Dozenten und zum Teil auch ihren Mitlernenden ihr Portfolio zugänglich machen. Wie in Supervisions- und Intervisionsgruppen (siehe unten: Thema Intervision) gilt für alle Autoren und Lesenden Schweigepflicht und Wertschätzung. 
Wenn Lernende ihr Portfolio digital zugänglich machen, sind Datenschutz (privacy) und Datensicherheit (data security) zu beachten. (Ich bin und bleibe in diesen Themen Optimist.) Als Autoren müssen sie selbst entscheiden, wie viel ihrer Reflexion sie anderen zugänglich machen wollen, insbesondere wenn es um die Beschreibung von Emotionen geht.
In Zeiten des Web 2.0 liegt die Nutzung von eLeaning-Plattformen nahe. Damit geht es nun endlich um eines meiner Lieblingsthemen im Lebenslangen Lernen und Organisationalen Lernen: Blended Learning.

 

Blended Learning
Blend heißt auf Englisch gemischt. Mag es bei einigen alkoholischen Getränken wie zum Beispiel Whisky einen negativen Beigeschmack haben, so ist es im Lernen eine positive Eigenschaft.

Die Lernenden und Lehrenden nutzen drei Aspekte: 
o Präsenzunterricht
o Selbststudium
o Nutzung einer eLearning-Plattform
eLearning umfasst Repositories, Communities, ePortfolios, Expertenprofile, (Zugang zu) Bibliotheken, Planung und Management von Lehrveranstaltungen, Unterstützung von Monitoring und Evaluation.

Wie sich Blended Learning umsetzen lässt, war Gegenstand einer Studie 2011/2012. Der Blog "Kompetenzorientiertes Lernen | Lernqualität durch Lehrqualität" und ein Artikel berichten darüber.

Material für Lernen und Blended Learning gibt es zuhauf im Netz, zum größten Teil gratis.
http://hdid.ch/didaktipps.php (Uni Bern, CH): App: Lernmethoden
http://coursera.org (verschiedene Unis): lectures and web-based trainings
http://rechnungswesen-verstehen.de (von Studierenden): Übungen
http://thecasecentre.org (verschiedene Unis): Fallstudien
http://sciencecases.lib.buffalo.edu/cs/ (University of Buffalo): Fallstudien
http://www.bwi.uni-stuttgart.de/index.php?id=3800 (Universität Stuttgart, Betriebswirtschaftliches Institut): Fallstudien

 

Das umgedrehte Klassenzimmer
Klassicherweise lernen die Lernenden den Stoff im großen Umfang im Präsenzunterricht kennen. Hier und da ist noch eine Übung eingestreut.

Inverted Classroom bedeutet, dass die Lernenden sich mit dem theoretischen Stoff zuhause oder unterwegs beschäftigen und dann gemeinsam mit Mitlernenden und Dozenten die Übungen durchführen. Inverted Classroom wird mit dem Blended Learning noch leichter. Der Dozent kann Aufgaben und Materialien auf der eLearning-Plattform bereit stellen. Voraussetzung für einen erfolgreichen Inverted Classroom ist, dass die Lernenden tatsächlich eigenständig lesen. Der Dozent muss dieses konsequent einhalten und darf sich nicht etwa darauf einlassen, Stoff im Unterricht zu behandeln, den die Lernenden bereits erarbeitet haben sollten.

Die Mischung macht's. Darum geht es in der Strukturierung der Lernveranstaltungen.

 

Strukturierung von Lernveranstaltungen
Konzentrierte Aufmerksamkeit schenken Menschen einem Thema einige Minuten bis vielleicht einer halben Stunde. Es sei denn, sie geraten in einem Flow, wie zum Beispiel beim Schreiben. Musizieren, Malen oder Software-Programmieren.

In Lernverstaltungen gilt es also einen guten Wechsel von Zuhören und Eigenaktivität herzustellen, damit Lernende und Dozenten eine oder mehrere Stunden arbeiten können. Für jeden Termin einer Lernveranstaltung und für die Lernveranstaltung insgesamt formulieren Sie Lernziele und Inhalte und ordnen ihnen Methoden, Erfolgsprüfungen und Reflexionen und die vorgesehende Dauer zu. Damit erhalten Sie für jeden Termin eine Art Drehbuch, mit dessen Hilfe Sie den Verlauf steuern können.

 

Lernveranstaltungen haben wie Interviews, Filme, Opern etcetera eine Dramaturgie, die Sie nutzen können. Sie brauchen einen Einstieg, Arbeitsphasen und einen Ausklang. Der Wechsel von Aktivität und Zuhören lässt sich mittels der Butterbrottechnik, der "Sandwich Methode" strukturieren. Der Deckel ist die Einleitung und dann folgen im Wechsel Salat und anderes, wie Tofu, Käse, Fleisch, was auch immer. Der Boden ist der Ausklang.

Der Einstieg in eine allererste Stunde kann über Arbeiten im Raum erfolgen (Abschnitt 19.4, Buch "Basiswissen Consulting"), oder durch ein Interview des Nachbars, den der Interviewer dann vorstellt. Dazu gibt der Dozent leitende Fragen wie Beruf oder Arbeitserfahrung und Erwartungen an die Lernveranstaltung. Wenn die Gruppe sich bereits kennt, kann der Einstieg auch über Check-In Fragen erfolgen. Check-Out Fragen kommen dann vice versa im Abschluss zur Anwendung  (Abschnitt 19.9, Buch "Basiswissen Consulting" und Blog vom 24.01.2012).

 

Menschen, die in ihrer Arbeit Verantwortung für andere tragen, sollten regelmäßig die Möglichkeit zur Reflexion und Supervision bekommen und nutzen. In Gesundheitsberufen, wie Pflegende, Ärzte und Therapeuten ist dies allgemein anerkannt. Für Coaches ist es Zeichen guter Qualität in ihrer Arbeit. Angehörige aus sozialen und lehrenden Berufen brauchen es ebenso.

 

Für Lehrende hat sich die Kollegiale Fallberatung entwickelt. In ihrem Aufbau ähnelt sie sehr stark der Arbeit in Balint-Gruppen (Gesundheitswesen) und in Supervisionen (Gesundheitswesen, soziale Berufe, Coaching). Entweder hat die Gruppe einen externen Moderator oder einer der Beteiligten übernimmt die Moderation. Es gibt pro Sitzung einen bis zwei Menschen, die jeweils einen Fall schildern ("Fallgeber") und ungefähr sechs bis zehn weitere Mitglieder. Die Gruppe sollte sich regelmäßig treffen, zum Beispiel alle acht bis zwölf Wochen. Interkollegiale Fallberatung kann aber auch innerhalb von Fortbildungen erfolgen, so wie wir es am Donnerstag gemacht haben. Die Sitzungen dauern ein bis zwei Stunden.

 

Gliederung:
o Begrüßung und Einleitung durch den Moderator.
o Auswahl des Falls: Kurzvorstellung des Themas von Mitgliedern, die einen Fall vorstellen möchten, und Auswahl des Falls durch die Gruppe.
o Fallschilderung: der Fallgeber schildert den Kontext und seine Fragen und sein Anliegen an die Gruppe.
o Fallerhellung: Fragen der Gruppe an den Fallgeber. Die Fragen müssen offen sein, sie sollten weder suggestiv noch rhetorisch sein.
o Fallreflexion: die Gruppe spricht über den Fall ohne den Fallgeber. Der Fallgeber hört zu.
o Lösungsvorschläge: Reihum formulieren die Gruppenmitglieder Hinweise und Empfehlungen. Der Fallgeber notiert ohne zu kommentieren. 
o Auswahl: Der Fallgeber nennt ein bis zwei Lösungsvorschläge, mit denen er sich weiter auseinandersetzen will.
o [ggf. kurze Pause und zweiter Fall]
o Abschluss und Abschied durch den Moderator.

 

In Gruppen, die sich regelmäßig treffen, fragt der Moderator nach der Einleitung die Fallgeber der vorhergehenden Sitzung, ob sie noch etwas zu ihrem Fall sagen möchten. Die Kunst der Moderation liegt darin, ein kurzes Gespräch der Gruppe dazu zuzulassen, ohne dass die Gruppe sich erneut in diesem Fall begibt.

Wie in allen Supervisionen sollte auch die Fallberatung von Wertschätzung und Empathie geprägt sein. Schweigepflicht ist ebenso selbstverständlich und ein Muss. 

 

Vor drei Stunden habe ich angefangen, diesen Text zu schreiben. Ich bin immer wieder erfreut, wie viel Stoff ein guter Workshop liefern kann. Der Dozent vom Zentrum für Hochschuldidaktik der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (ZHP), die Kolleginnen und Kollegen und die Reflexion zu dem, was ich bisher gemacht und geschrieben habe, ermöglichen es, Ideen für die weitere Lehre und mein eigenes weiteres Lernen zu entwickeln. Ich hoffe, Sie können auch Einiges nutzen.

 

Christa Weßel - 07.12.2013