Auf den Schultern von Riesen

… Die Arbeiten anderer

Es gibt zahlreiche Grundlagenwerke US-amerikanischer Wissenschaftler auch ins Deutsche übersetzt. Einige jedoch nicht, zum Beispiel aus der Kulturanthropologie, der Soziologie und der Organisationsentwicklung. Für mich ist es ein Genuss, sie im Original zu lesen und mit ihnen zu arbeiten. Doch Englisch ist nicht jedermenschs Sache, wenn es um die Arbeit mit Fachliteratur geht.

 

Vor Jahren war die erste Idee, einen Verlag zu gründen auch davon inspiriert,  Hall's wunderbare Bücher und Rogers' Grundlagenwerk ins Deutsche übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. Edward T. Hall (1914-2009) war Kulturanthropologe  (blog 19 Jan 2016), Everett M. Rogers (1931-2004) Soziologe (blog 03 Jun 2017). 

 

Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, 

weil ich auf den Schultern von Riesen stand.

 

Mit diesem Satz meinte Isaac Newton (1643–1727), dass die Qualität und Bedeutung seiner Arbeit als Wissenschaftler und Autor entscheidend von den Vorarbeiten anderer abhängt. Und – so füge ich hinzu – weil Issac Newton entsprechend mit diesen Arbeiten umgegangen ist.

 

Zum Beispiel Hall, Rogers, Cooperrider

Immer wieder erlebe ich, dass Kollegen im Gespräch und in Seminaren und Fortbildungen sowie Veröffentlichungen im Netz und anderswo zwar Rogers' fünf Stadien und Rollen der Ausbreitung von Neuem verwenden, jedoch _ohne_ sich auf ihn zu beziehen und zu zitieren. What a shame. Btw (by the way): es gibt derzeit (noch?!) keinen deutschen Wikipedia-Eintrag über ihn.

 

Auch Hall. Er hat unter anderem die Bedeutung von Zeit und Raum, Rhythmus und Distanz und zahlreichen anderen damit zusammenhängenden Aspekten in verschiedenen Kulturen seit den 1940ern erforscht und beschrieben. Ergo: veröffentlicht. Bezug auf ihn? Leider meist Fehlanzeige. 1963 prägte Hall den Begriff "proxemics"  (de: Proxemik) und definiert sie in seinem wegweisenden Buch "The hidden dimension" als: "the interrelated observations and theories of humans use of space as a specialized elaboration of culture". Wenigstens dieses Buch hat der Pädagogische Verlag Schwann 1976 auf deutsch mit dem Titel "Die Sprache des Raumes" veröffentlicht. Andere, wie das faszinierende "Dance of Life" und "Beyond Culture" (wunderbar) sind bislang nicht auf Deutsch erschienen. 

 

Der dritte im Bunde der Autoren, auf deren Arbeiten ich aufbaue (natürlich sind da noch mehr): David Cooperrider & Kollegen und "Appreciative Inquiry" (blog 04 Aug 2015). Übersetzung? Nein. 

 

Vielleicht sind Verlage der Ansicht, dass diejenigen Deutschen, die sich für diese Themen interessieren, sowieso lieber die Werke im Original lesen oder es zumindest können. Meine Erfahrung mit Studierenden und Menschen im Berufsleben, die ich als Beraterin und/oder Coach treffe, ist leider anders: Fachliteratur auf Englisch lesen? Eh, ja, also eher nicht. Gibt es das auch auf Deutsch?

 

Fachbücher zu übersetzen und zu publizieren, ist teuer. Zur Produktion eines Buches kommen neben dem Üblichen Kosten  vor allem Kosten für das Finden solcher Bücher, die Vertragsverhandlungen mit dem ursprünglichen Verlag, Lizenzrechte und die Übersetzung hinzu. Das Lektorat sollten Menschen durchführen, die (a) vom Fach und (b) in beiden Sprachen fit sind.

 

Zurück zum Appreciative Inquiry. Es gibt ein Buch auf Deutsch mit diesem Begriff im Titel (Bonsen & Maleh 2012). Seine Qualität hat mich nicht wirklich überzeugt. Wertschätzende Erkundung ist für Deutsche vielleicht ätherisch? Immer wieder höre ich den Kommentar "Ah, Wertschätzung, Achtsamkeit, das ist noch so ein Modebegriff."

 

Vorurteile und Hochmut … Ein Ausflug

Ein abfälliges - gar nicht wertschätzendes - Vorurteil. Bislang konnte ich persönlich etliche Kulturen beobachten und erleben: Westdeutschland und West-Berlin; in den 1980ern zahlreiche Menschen, die aus der DDR geflohen waren; ab 1989 west- und ostdeutsche Kultur; außerdem im Verlauf meines bisherigen Lebens Niederlande, Dänemark, United Kingdom, Frankreich, Italien, Spanien, Schweiz, Österreich, Ägypten, Kanada (Provinz Ontario, v.a. Toronto). Besonders berührt hat mich Kambodscha. Ein mehrwöchiger Besuch während einer Reise, die auch kurz nach Thailand und Vietnam führte. Außerdem waren und sind da noch in Deutschland, insbesondere in Berlin, Aachen und Frankfurt am Main, Begegnungen und das Leben* mit Menschen aus Osteuropa, den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten, Afrika, Nord- und Südamerika. Australier waren auch dabei. (*: Arbeit ist Teil des Lebens.) [ergänzt am Sa, 19 Jun 2021]

 

Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass ich vor allem bei Deutschen, insbesondere bei vielen Westdeutschen einen Hochmut dem "anderen" / "Anderen" gegenüber sehe und ein Überlegenheitsgefühl, das zu raschen Vorurteilen beiträgt. In den Feldern Digitalisierung, Bildung und Bewältigung der Pandemie ist es in meinen Augen besonders schlimm, weil sich Deutschland hier mit allem möglichen hervortut, nur nicht mit besonders guten oder gar exzellenten Umsetzungen und Ergebnissen - im Vergleich mit anderen Ländern, die ähnliche Ausgangsbedingungen wie wir haben: Demokratie, Wohlstand, Bevölkerungsdichte und Klima. 

 

Weitere Riesen, beispielsweise Robert K. Yin

Nun, die Übersetzungen kann und will ich  mit meinem Verlag nicht bewältigen. Es ist ein one-woman-one-moose-Verlag (Rudi Moos im Weidenborn Verlag). Jedoch kann ich auf Hall's und die Arbeiten anderer aufbauen _und_ sie sauber zitieren sowie über eigene Forschung und Entwicklungen dazu berichten.

 

Für Hall, Rogers und Cooperrider & Kollegen habe ich dies in meinen bisherigen Büchern  und im Blog gemacht und werde es fortsetzen. Seit einigen Tagen ist ein weiteres Thema und somit ein weiterer "Riese" hinzugekommen: 

 

Yin RK. Case Study Research and Applications: Design and Methods. 6th Edition. Thousands Oaks, Sage Publications 2018. (first edition 1984)

 

Warum? Weil ich derzeit über eine Fallstudie im Bereich Sozioinformatik berichte: ich arbeite an einem Artikel dazu (blog 15 Jun 2021). Was ich in meinen Texten über Case Study Research zu Yin's Ausführungen hinzufügen werde? Die 8+1 W (sie tauchen in all meinen Büchern auf, darum hier kein Quellenbezug). Yin hat "nur" fünf W. Es gibt noch weitere Ideen. Die erste Mindmap stammt von heute Morgen.

 

Mit Yin's Werk ist es ähnlich wie mit den anderen hier vorgestellten Büchern und Arbeiten. Übersetzungen ins Deutsche: Fehlanzeige. Bemerkenswert finde ich, dass Hans-Gerd Ridder (geb. 1951), ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, der mehrere Bücher auf Deutsch veröffentlicht hat, ausgerechnet über Fallstudien-Forschung auf Englisch schreibt.

 

Vielleicht, weil auch hier wieder eine Begriffsverwirrung vorliegt? Im Deutschen findet der Begriff "Fallstudie" vor allem für Fall_Beispiele_ im Lernen und Lehren Verwendung.

 

Das ist keine Fallstudien-Forschung, case study research. Es gibt außerdem 

  • teaching-practice case studies : Fall-basiertes Lernen 
  • popular case studies in literature and media : der fiktive und der "wahre" Fall
  • case records : Fallakten in Medizin, Pflege, Sozialwesen, Recht, …

Sollte ein Buch auf Deutsch über case study research entstehen, wird die Titelfindung eine Herausforderung. Außerdem müssen bestimmt ein paar Seiten hinein, die die drei Möglichkeiten von Case Study jenseits von Forschung (research) erläutern. Yin und andere Bücher haben sicher noch Einiges dazu. Yin's Buch ist ein "Riesen"-Werk, ein dickes, hervorragendes textbook, ein Lernbuch (die Deutschen sagen Lehrbuch). Ich bin erst auf Seite 43 von 340 Seiten. Es ist sehr viel drin. Hervorragend strukturiert, geschrieben und aufgebaut. Das Layout ist ein Genuss und eine begleitende, ergänzende Website des Verlages für registrierte Nutzer mit weiterem Material für Lernende und Lehrende gibt es außerdem: study.sagepub.com/yin6e

 

Vielleicht schaffe ich ja heute noch ein paar Seiten und Übungen. Die gibt es auch.

 

Christa Weßel - Freitag, 18 Jun 2021

 

Lesestoff

  • Bonsen M zur, Maleh C. Appreciative Inquiry (AI): Der Weg zu Spitzenleistungen: Eine Einführung für Anwender, Entscheider und Berater. 2. Auflage. Weinheim, Beltz Verlag 2012. [Cooperrider et al. (2008) ist deutlich besser]
  • Cooperrider DL, Whitney D, Stavros JM. Appreciative Inquiry Handbook (2nd ed.) Oakland, CA, Berrett-Koehler Publishers 2008.
  • Hall ET. The Hidden Dimension. New York, Anchor Books 1966.
  • Hall ET. Beyond Culture. New York, Anchor Books 1977, 1989.
  • Hall ET. The Dance of Life. The Other Dimension of Time. New York, Anchor Books 1984.
  • Ridder G. Case Study Research: Approaches, Methods, Contribution to Theory (Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden). 2nd Edition. Mering, Edition Rainer Hampp 2019.
  • Rogers, EM. Diffusion of innovations (5th ed.). New York: Free Press 2003. (first published 1962)
  • Rogers EM, Hart WB, Miike Y. Edward T. Hall and the History of Intercultural Communication: The United States and Japan. Keio Communication Review 2002; 24: 3--26 -- https://www.mediacom.keio.ac.jp/publication/pdf2002/review24/2.pdf (18 Jun 2021)
  • Wikipedia contributors, 'Everett Rogers', Wikipedia, The Free Encyclopedia, 9 March 2020, 08:43 UTC, <https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Everett_Rogers&oldid=944681128> [accessed 18 June 2021]
  • Wikipedia contributors, 'Edward T. Hall', Wikipedia, The Free Encyclopedia, 15 June 2021, 12:16 UTC, <https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Edward_T._Hall&oldid=1028683337> [accessed 18 June 2021]
  • Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.  Seite „Edward T. Hall“. Bearbeitungsstand: 1. Mai 2021, 00:56 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Edward_T._Hall&oldid=211472623 (Abgerufen: 18. Juni 2021, 11:29 UTC)
  • Yin RK. Case Study Research and Applications: Design and Methods. 6th Edition. Thousands Oaks, Sage Publications 2018.